Abschied von meinem treusten Weggefährten
Abschied von meinem treusten Weggefährten
Er hat happige Aufstiege, Wind & Wetter, Rempeleien und Beschmutzungen klaglos ertragen und nie über Übergewicht gejammert. Nun tritt mein treuester Wanderkamerad seinen wohlverdienten Ruhestand an. Ein Abschied, der schwerer fällt, als man es von einem Stück Stoff und ein paar Schnallen erwarten würde.
Nach einem langen, erfüllten und ausserordentlich belastenden Leben verabschiedet sich mein überaus geschätzter, schweigsamer und zuverlässiger Weggefährte in den wohlverdienten Ruhestand. Leb’ wohl, geliebter Wanderrucksack!
Bau geblieben wären. Bei anspruchsvollen Kletterstellen ist er tapfer vorausgegangen und hat mir Mut gemacht, wenn ich schwierige Situationen allein meistern musste, sei es wegen fehlender Orientierung, eines Gewitters oder ausgesetzter Passagen. Ich habe ihn über Felsen geschrammt, unter Postautositze gestopft und gelegentlich als Kopfkissen zweckentfremdet – aber immer mit sehr viel Liebe, Respekt und Achtung behandelt. Das hat er mir mit bedingungsloser Treue gedankt. Nicht einmal die Brandwunden, die er sich wegen meiner Unachtsamkeit am Auspuff des Motorrads geholt hatte, konnten ihn stoppen. Das vernarbte Gewebe erinnert mich noch heute an die Höhlentour, die diesem Unfall im Jahr 2004 zugrunde lag. Seine Netzfächer sind trotz Sehnenriss immer noch funktionsfähig, die Hüftpolster so flach wie ein Bergbahnprospekt am Ende der Wandersaison, und er ist inzwischen so zerknautscht wie ein Schinkensandwich nachmittags um fünf Uhr. Aber ihn deshalb in Rente schicken?
Zerrissenes Aussenfach
Brandnarben am Hüftgurt
Kaputte Polster
Altersschwäche bei den Traggurten
Ein neuer Rucksack steht bereits bereit. Er ist moderner, leichter, und mit cleveren Fächern sowie einem Belüftungssystem ausgestattet, das wahrscheinlich mehr Technik enthält als die erste Mondlandung. Aber eines hat er nicht: Geschichten. Die muss er sich mit mir erst verdienen. Wir waren bloss einmal zusammen unterwegs, im Spätwinter auf einer Schneeschuhtour. Er nahm an einem Rucksacktest für unser Magazin DAS WANDERN teil und konnte mich nur mässig überzeugen. Aber ich habe ein grosses Herz und habe ihn trotzdem in meine Outdoor-Schatzkammer einziehen lassen.
Und der alte? Der bekommt keinen Platz im Abfall. Dafür hat er zu viel erlebt. Im Estrich darf er in Würde zur Ruhe kommen, von Gipfeln träumen und still darüber schmunzeln, wie oft seine Besitzerin überzeugt war: «Heute packe ich wirklich nur das Nötigste ein.»
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