Riskante Winterstrategien

Schlank und rank den Winter überleben: Wie machen das Tiere ohne Winterpelz und Winterspeck? Die Spuren von Marder, Mauswiesel und Hermelin zeigen es...

Sabine Joss

Ein geschmeidiger Sprung, ein gezielter Biss in den Nacken des Opfers, und der schlanke Jäger kann einen weiteren Tag überleben. Wenn dieser beginnt, hat er sich schon längst in seinen Unterschlupf verzogen. Dann liegt La Lécherette noch im Schatten, und die ersten Schneeschuhläufer brechen zu ihrer Tour auf die Monts Chevreuils auf.

Im Talgrund ist es eiskalt, der Atem bildet Dampfwolken, und die eisige Luft brennt in den Lungen. Die einen freuen sich auf die warme Sonne auf dem Gipfel, andere hoffen darauf, Tierspuren und hoffentlich auch Tiere zu sehen zu bekommen. Nach wenigen Minuten kreuzt die erste Hoppelspur eines Hasen die Schneeschuhroute. Die Spur ist tief eingesunken und muss wohl vom Vortag sein, als die Schneedecke von der Sonne aufgeweicht war. So früh am Morgen würde ein Hase in der gefrorenen Schneedecke noch nicht einsinken. Um leichter voranzukommen und damit wertvolle Energie zu sparen, nutzen Wildtiere bereits vorhandene Spuren. Dies hat auch der Fuchs getan, dessen Spur bald zu einer Alphütte abbiegt. Hunderte von Metern war er zuvor der Schneeschuhspur gefolgt. Auf einer ebenen Fläche bei Les Mossettes schliesslich scheint in der Nacht einiges los gewesen zu sein. Viele frische Pfotenabdrücke, in den Schnee gescharrte Löcher und wenige Blutstropfen sind zu sehen. Ein suchender Jäger muss hier seine Beute, vermutlich eine Wühlmaus, aufgestöbert haben.

Meister der Tarnung

Foto: Andrius Vaicikonis/Shutterstock.com

Wem gehören die Spuren? Um Tiere zu bestimmen, rät Wildbiologe Hans C. Salzmann, die Pfotengrösse und das Spurbild anzuschauen. Eine Marderdoppelspur mit den jeweils nebeneinander liegenden Abdrücken der Vorder- und Hinterpfotensieht eindeutig anders aus als die typische Hasenspur – grosse Hinterpfoten nebeneinander, kleine Vorderpfoten nacheinander. Als Vegetarier fällt der Hase aber sowieso gleich weg. Hermelin und Mauswiesel hinterlassen etwa gleich grosse oder kleinere Abdrücke als ein Eichhörnchen. Für einen Fuchs sind die Pfotenabdrücke viel zu klein.

Die Fellfarben der Saison

Hier scheint also irgendein Marder gejagt zu haben. Im Gebiet kommen Stein- und Baummarder vor. Wer von beiden war es? «Wenn die Pfotenabdrücke im Schnee zu wenig deutlich sind, kann man die stark behaarten Pfoten des Baummarders nicht von den unbehaarten des Steinmarders unterscheiden», erklärt Marderexperte Salzmann. Marder sind meistens in der Nacht unterwegs, tagsüber lassen sie sich nicht blicken. «Deshalb sind sie auch im Winter braun. Sie brauchen kein Tarnkleid wie andere Tiere, die im Winter tagaktiv und auf dem hellen Schnee sonst für Feinde eine leichte Beute sind», erklärt Salzmann. So wie etwa beim Hermelin, dessen Fell sich ab Ende Oktober weiss färbt. «Wenn der erste Schnee jedoch zu spät fällt oder der Winter schneearm ist, wird die weisse Farbe auf dem dunklen Untergrund zum Nachteil», sagt der Wildbiologe. Warum die Kleinen zuerst frieren erfahren Sie im Magazin WANDERN.CH 2014-6!

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