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Aus der Wanderwelt

Wenn die Schweiz durch die Nacht wandert

Sobald am 27. Juni 2026 der Mond aufgeht, werden wieder Tausende Wanderschuhe geschnürt. Die Schweizer Wandernacht feiert ihr 20-Jahr-Jubiläum. Wie es ist, bis zum Sonnenaufgang unterwegs zu sein, haben wir auf einer nächtlichen Tour bei Baden AG erlebt.
29.05.2026 • Text: Angelika Imhof, Bilder: Severin Nowacki
Eine solche Mondscheinnacht kann auch romantisch sein.

Samstag, 23.55 Uhr, Baden, Stadtbrunnen. Es ist die Stunde der Geister, der Ausgangsfreudigen, der Eulen. Nicht unbedingt die der Wandernden. Doch genau solche stehen jetzt in einem Halbkreis zusammen – unverkennbar an ihren Trekking- und Wanderschuhen, Rucksäcken und Wanderstöcken. Es ist der verheissungsvolle Beginn einer Wanderung während der Schweizer Wandernacht.

Gerade ist der bleiche Mond über dem Schartenfels in Badens Osten aufgegangen – erst vor zwei Tagen war Vollmond. Eine Frau mit gelb-orangem Stirnband, tätowiertem Arm und Klemmbrett in der Hand begrüsst die 32 Teilnehmer und Teilnehmerinnen herzlich zu dieser besonderen Wanderung. Sie sei schon etwas aufgeregt, raunt mir Stephanie Lieb zu, aber das merkt man der fröhlichen Wanderleiterin der Aargauer Wanderwege kaum an.

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Die Stadt Baden legt Wert darauf, die Lichtverschmutzung zu minimieren, und setzt Beleuchtung nur dort ein, wo sie nötig ist.

Gemeinsam wandern wir der schwarz glänzenden Limmat entlang los und erklimmen über einen Treppenweg die ersten Höhenmeter. Die Lichtquellen verschwinden Stufe für Stufe, und plötzlich ist die Welt nur noch ein Mosaik aus Grautönen in allen Schattierungen. Die Augen suchen nach Kontrast, Formen und Kanten, an denen sie sich orientieren können. Einige Wandernde schalten ihre Stirnlampen ein. Die Gruppe bewegt sich jetzt wortlos, konzentriert und im Einklang.

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Wanderleiterin Stephanie Lieb führt die Gruppe sicher durch die Nacht.

Über 100 Angebote

Auch diesen Sommer finden vom 27. auf den 28. Juni in der ganzen Schweiz geführte Abend- und Nachtwanderungen im Rahmen der Schweizer Wandernacht statt. 2025 wurden 103 Wanderungen mit rund 2700 Teilnehmenden angeboten. Dieses Jahr wird mit einer ähnlichen Anzahl an Angeboten gerechnet, meint Patricia Cornali von den Schweizer Wanderwegen, die den Anlass koordinieren. Einige Wanderungen dauern zwei, andere über sechs Stunden. Ein paar Angebote beinhalten zudem eine Übernachtung. Rund die Hälfte der Nachtwanderungen sind für Familien geeignet.

Kamikazehafte Geburtsstunde

Angefangen hat alles mit dem Bedürfnis, «neue Impulse für den Wandertourismus in der Schweiz anzustossen», erinnert sich Fredi von Gunten, ehemaliger Geschäftsleiter der Schweizer Wanderwege. «Es war ein spontaner Kreativwurf», ergänzt Peter Gschwend, der damals Marketingleiter beim Dachverband war. «Gut möglich, dass die Museumsnacht als Inspirationsquelle diente», fügt Gschwend hinzu – so genau weiss er das nicht mehr.

«Wir sind mit circa 10 bis 15 Angeboten gestartet. Wichtig war uns, dass den Teilnehmenden etwas Spezielles geboten wird in der Nacht. Zum Beispiel eine Bähnlifahrt. So war beispielsweise die Stanserhorn-Bahn von der ersten Stunde an mit dabei», berichtet Gschwend. Und mit einem Schmunzeln fügt er hinzu: «Die ganze Organisation war etwas kamikazehaft am Anfang. Die Anmeldungen erfolgten noch über ausgedruckte Formulare oder per E-Mail und nicht via Website. Entsprechend meinem Motto: Mach es einfach und dann mach es einfach.»

Dank guter Beziehungen zu Thomas Bucheli wurde die Wandernacht in SRF Meteo angekündigt und eine Wetterprognose für die besagte Nacht abgegeben. Das verschaffte der ersten Ausführung den nötigen Schub und machte sie populär.

Seither ist die Wandernacht kontinuierlich gewachsen und zu einem professionellen Event geworden. «Doch das Konzept ist noch genau das Gleiche», reflektiert Cornali. «Die Wandernacht lebt vom Engagement der Veranstaltenden. Und von einer grossen, treuen Fanbase, die Jahr für Jahr mit dabei ist.»

Für eine Nacht zusammengewürfelt

Unterdessen ist die Badener Wandergruppe beim Schartenfels angekommen und schnauft erst mal durch. Es ist der erste von vier Aussichtspunkten auf der rund vierstündigen Chänzeli-Tour. «Ich kenne die Tour bereits – jedoch nicht bei Nacht», meint eine Frau mit kurzen schwarzen Haaren. Die meisten der Teilnehmenden sind aus der Gegend rund um Baden, ein paar aus der Bäderstadt selbst. Die Gruppe ist gut durchmischt, das Geschlechterverhältnis etwa ausgeglichen, man hört Schweizerdeutsch und Englisch. Die Mehrheit der Teilnehmenden ist geschätzt über 50 Jahre alt, eine Handvoll noch unter 35 Jahren. Manche haben sich in 2er- oder 3er-Grüppchen angemeldet, andere allein. Für die meisten ist es die erste Wandernacht.

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Hell leuchtet der Vollmond aufs Chänzeli.

«Ich bin normalerweise lieber mit dem Velo unterwegs», meint ein grossgewachsener älterer Mann. «Mein sechsjähriger Sohn wandert nicht gerne, seither wandere ich auch weniger», eine Mutter mit kreisrunder Brille. «I don’t hike often. Only if my friend takes me.» Die Aussagen machen klar: Das sind keine typischen Wandernden. Erst die Nacht macht sie zu welchen. Sie verwandelt eine gewöhnliche Wanderung in ein kleines Abenteuer. Eines, das man allein vielleicht nicht in Angriff nehmen würde, aber das in der Geborgenheit der Gruppe möglich wird.

Von Lichtverschmutzung und Leuchtkäfern

Bei einer Feuerstelle im Wald legen wir eine kurze Pause ein. Während die Teilnehmenden etwas trinken und knabbern, liefert Stephanie Lieb kleine Portionen an Wissensfutter. Über die Nacht verteilt wird sie vom römischen Ursprung Badens, von Hermann Hesses Liebe zur Stadt und von den Massnahmen gegen Lichtverschmutzung berichten. Und am Ende des Abends wissen alle, dass Glühwürmchen eigentlich Leuchtkäfer sind und welche davon «Italiener» genannt werden – nämlich die, bei denen die Männchen und Weibchen im Stakkato blinken.

«Die Geschichten und Informationen einer ortskundigen Wanderleitung machen die Veranstaltung aus», meint Cornali. Was brauchts sonst noch? «Eine gute Organisation, ein attraktives Rahmenprogramm und im Idealfall eine Kombination von Wandern in der Dämmerung sowie in kompletter Dunkelheit.»

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DAS WANDERN 3/2026

Aktuelle Ausgabe

Effekte der Nacht 

Auf dem Hügelzug von Ennetbaden wiegen die Felder links und rechts weich und wellig im Wind. Der Himmel erscheint im Gegensatz zu den pechschwarzen Silhouetten der Bäume grau, die Sterne leuchten verhalten, Wolkenschwaden umspielen den Mond. Da in der Dunkelheit Distanzen und Steigungen weniger gut erkennbar sind als bei Tag, fühlt sich die Wanderung seltsam schwerelos an. Durch den eingeschränkten Sehsinn sind die anderen Sinne zudem umso geschärfter. Der Kies unter den Füssen knirscht auffallend laut, das Gras riecht intensiver als bei Tag.

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2025 war die Wandernacht sternenklar.

Genau um solche Erfahrungen geht es der 41-jährigen Wanderleiterin: «Ich wünsche mir, dass die Dunkelheit auf dieser Wanderung mit allen Sinnen gespürt wird. Und ich will zeigen, dass es auch vor der Haustür noch neue Wege zu entdecken gibt», sagt die Aargauerin. Zustimmendes Raunen aus der Gruppe.

Als der Tag erwacht

Es ist inzwischen kurz vor halb drei Uhr morgens und es folgt die letzte, etwas längere Steigung auf den Martinsberg. Die Gespräche flachen ab, wie in Trance steigt die Gruppe aufwärts. Ein paar wenige Stirnlampen leuchten für alle. Die Körper haben schnell gelernt und finden sich in der Dunkelheit nun schon viel automatisierter und sicherer zurecht als noch zu Beginn der Wanderung.

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Stirnlampen helfen wenn nötig bei der Orientierung.

Beim Martinsberg-Chänzeli gibt es nochmals eine kurze Pause, bevor wir den Rückweg nach Baden antreten. Der neue Tag erwacht langsam. Frösche quaken, Füchse schreien aus dem Dickicht, Vögel beginnen zu singen. Erste Joggerinnen kommen der Wandergruppe entgegen. Schichtwechsel.

Gemeinsam warten wir bei der Ruine Stein auf den Sonnenaufgang. Die Wolken färben sich violett und orange, der Morgen kündigt sich leise an. Stephanie juchzt begeistert auf: «Bitte, zieht euch das rein!» Und das tut die Gruppe. Es ist ein Zustand aus Erfüllung, Erschöpfung und gleichzeitig einer seltsamen Präsenz.

Von der Couch aus nachtwandern

Leider keine Zeit, selbst an der Wandernacht teilzunehmen? Die Bündner Wanderinfluencerin Christina Ragettli wird während der Wandernacht live auf den Social-Media-Kanälen der Schweizer Wanderwege über die Wandernacht berichten und nimmt Sie online mit.

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