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Portraits

«Ich muss zum Wandern nicht an schöne Orte fahren»

Wandern als Kunstform? San Keller lief bereits als 25-Jähriger alle Migros-Filialen von Zürich ab. Oft wandert der Künstler genau dort, wo es sonst niemand tut. Auf einem zackigen Fussmarsch entlang der A1 erzählt er, warum.
27.02.2026 • Text: Mia Hofmann, Fotos: Raja Läubli
Aktuell wandert San Keller oft bei Nacht durch sogenannte Distributionslandschaften, wie hier bei Killwangen-Spreitenbach.

Schlafen unter dem Moderationspult der Tagesschau, Leute über die Treppe in die Ausstellungsräume tragen, den Arbeitsweg gemeinsam gehen – San Kellers Performances regen stets dazu an, Gewohntes zu hinterfragen. Heute nehmen wir gemeinsam eine Wanderung durch eine «Distributionslandschaft» unter die Füsse. Gemächlich tritt der gross gewachsene Mann aus der Bahnhofsunterführung von Killwangen-Spreitenbach. Graue Jacke, grüngraue Hose, ein kleiner schwarzer Rucksack. Auf dem Kopf ein Buff mit Leopardenmuster, an den Füssen leuchtet das Gelb der Wanderschuhe.

San, es windet und regnet. Du hast am Telefon gesagt, das Wetter spiele keine Rolle?

Ist doch schön, wenn es regnet! (lacht) Es spielt in dem Sinn keine Rolle, als dass ich meine Planung nicht danach ausrichte. Natürlich hat es einen Einfluss auf das Erleben. Aber es lässt sich nicht kontrollieren, wieso also sich gross damit befassen? Ich will gar nicht die Kontrolle über alles haben. Genauso ist es für mich in der Kunst: Mich interessieren künstlerische Formen, bei denen nicht alles im Voraus bestimmt ist. Oft kreiere ich kurzlebige Aktionen, ich möchte die Leute den Moment erleben lassen, sie wachhalten, Dinge spürbar machen. Etwa mit meinen Nachtwanderungen.

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Rund 40 performative Wanderformate hat der Künstler San Keller bereits organisiert. Auf seinen unkonventionellen Streifgängen kann man ihn begleiten.

Wie laufen diese ab?

Das Konzept ist schlicht: Wir reisen mit der letzten ÖV-Verbindung zum Ausgangspunkt, absolvieren während der Nachtstunden die Wanderung und fahren ab dem Endpunkt wie gewohnt zur Arbeit – wir überbrücken quasi die Fahrplanlücke. Wenn da noch zwei Stunden Schlaf im Zug drin liegen, umso besser. (lacht) Also, man darf natürlich auch nach Hause gehen und sich ins Bett legen. Es ist ein beflügelndes Gefühl, zu einer Zeit wach zu sein, in der alle schlafen. Man ist weniger müde als befürchtet und friert auch nicht. Gehen hält den Körper wunderschön warm. Und Gesellschaft gibt soziale Wärme.

«Ich möchte die Leute den Moment erleben lassen, sie wachhalten.»

San Keller

Was motiviert dich dazu?

Unser Sozialverhalten im Winter: Wir ziehen uns in unsere Häuser zurück, was uns aber nicht guttut. Ich wollte das aufbrechen. Ganz zu Beginn, vor 30 Jahren, trafen wir uns noch zu Nachtwanderungen in der Natur. Mittlerweile führen sie durch sogenannte Distributionslandschaften, also mitten durch bewohnte und durch den Verkehr erschlossene Gebiete. Beim momentanen Projekt folgen wir der A1, der Hauptschlagader der Schweiz. Ich muss zum Wandern nicht unbedingt an sogenannt schöne Orte fahren. Ich finde das Interessante überall. Wie etwa hier.

San Keller weist mit der Hand auf den breiten Forstweg vor uns. Hinter einem Zaun, wenige Meter weiter, die Autobahn. Lautes Rauschen. Etwas Wald, etwas Regen, sonst nichts. Aber in Sans Kopf wird es vielschichtig: Er denkt laut darüber nach, in welcher Form die Autobahn hier verläuft, wie sie an die Landwirtschaft grenzt, die Zuglinie kreuzt – all diese Muster von Über- und Unterführungen, Lärmschutzwänden und Zäunen.

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Die Autobahn A1 regt den gelernten Hochbauzeichner zum Nachdenken an. Für ihn ist diese Landschaft kein Unort, sondern ein spannendes Mosaik aus Formen, Mustern, Verbindungen und Grenzen.

Gleich zu Beginn der Wanderung haben wir zweimal die Autobahn unterquert. Unter der Brücke standen ein Tisch und zwei lädierte Sessel am Ufer der Limmat. Was hier wohl für Unterhaltungen geführt wurden? Pause gemacht haben wir im «Fressbalken», wie die Autobahnraststätte Würenlos im Volksmund genannt wird, um direkt über den vorbeiziehenden Autos sitzen zu können. Ruhig zu sitzen inmitten der Bewegung hat tatsächlich etwas Meditatives.

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Vom Bahnhof Killwangen-Spreitenbach entlang der A1 bis zum Spital Baden.

Kunst bedeutet oft eine Schulung der Sinne. Welcher Sinn ist dir am liebsten? 

Der visuelle. Mein Einstieg in die Kunst passierte übers Malen und Zeichnen. Ich habe eine Lehre als Hochbauzeichner absolviert, daher auch meine Faszination für Pläne. Meine Mutter hat gemalt, Collagen gemacht, Porzellan gestaltet, das hat mich geprägt. Gleichzeitig wollte ich selbst weniger Dinge abbilden, als vielmehr mein Inneres aufs Papier bringen. Ich verspürte immer einen grossen Freiheitsdrang und wollte nach der Lehre aus der mittelständischen Enge ausbrechen. Ich interessierte mich für Zürich, zog dahin und «nadisna» ergab sich eins aus dem anderen.

Was für Wanderformate hast du abgesehen von den Nachtwanderungen noch lanciert?

Zum Beispiel die Zügelwanderungen: Ich suchte jeden Monat jemanden, der umzieht, und organisierte entsprechend dem Hausrat so viele Personen, wie es brauchte, um diesen zu Fuss an den neuen Ort zu tragen. Oder das Projekt «Die bessere Hälfte». Dabei lud ich zum Sonntagsspaziergang mit Partnertausch. Das Los entschied, wer mit wem loszieht. Spätestens um Mitternacht mussten alle wieder zurück sein – und am Ankunftsort spielte ein Alleinunterhalter Piano, um die Wartezeit zu verkürzen. Insgesamt sind es bis jetzt rund 40 verschiedene Formate.

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Vom Bahnhof Killwangen-Spreitenbach entlang der A1 bis zum Spital Baden.

Dein Rucksack heute ist sehr klein. Was hast du dabei?

Nur den Regenschirm.

Nicht mal eine Flasche Wasser?

Nein. Wir sind ja in besiedeltem Gebiet. Und für mich gehört es auch dazu, nur dann zu trinken, wenn es möglich ist. Es ergibt sich ein anderer Blick durch den Fokus: Wo ist der nächste Brunnen?

Immer wieder kommen bei San Erinnerungen hoch: Er hat dieselbe Strecke vor drei Monaten in der Nacht mit vier anderen Personen absolviert. Kurz nach Neuenhof tauchen wir aus dem Wald auf: Durch den Zaun öffnet sich der Blick auf die mehrspurige Autobahn, den Fluss, das ehemalige Kloster Wettingen, die Kantonsschule, Hochhäuser, den Lägern. Diese Stelle sei von den Teilnehmenden als Höhepunkt der Wanderung bezeichnet worden – nachvollziehbar, jetzt wo wir die Weltanschauung von San langsam erfassen. Denn sie ermöglicht einen Überblick auf die Landschaft und ihre Verbauungen. Daraufhin überschreiten wir einen Hügel, direkt unter uns der Bareggtunnel. Als Endpunkt der Wanderung hat der Künstler das Kantonsspital Baden festgelegt, weil von dort aus der Tunneleingang sichtbar ist.

Welche Art von Wanderungen magst du?

Ich bin ein Stadtmensch und erkunde mein natürliches Habitat am liebsten zu Fuss. Es gibt aber auch noch die Kategorie Sportwandern: Wenn ich etwa mit meiner Partnerin in zügigem Tempo von Interlaken auf den Harder laufe – da geht es mehr ums Herzklopfen und die Gesundheit.

Wann wird ein Spaziergang zur Wanderung?

Für mich ist der Unterschied die Planung. Bei einer Wanderung überlegt man vorher, wohin man gehen will, handelt das gemeinsam aus. Man schaut auf eine Karte, also eine abstrakte Darstellung der Landschaft, und macht sich eine Vorstellung. Hier schliesst sich auch der Kreis zu meinem allerersten Wanderprojekt zu allen Migros-Filialen in Zürich. Ich hatte davon Zeichnungen erstellt. Doch ich merkte, dass es mir nicht reicht, dem Publikum Bilder davon zu zeigen. Ich wollte gemeinsam Unvorhergesehenes erleben – und das will ich immer noch.

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Vom Bahnhof Killwangen-Spreitenbach entlang der A1 bis zum Spital Baden.

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Zur Person

San Keller (55) wurde in Bern geboren und lebt in Zürich. Er arbeitet als Künstler und ist Co-Studienleiter des Bachelor Kunst & Vermittlung an der Hochschule Luzern. Seine Projekte entstehen oft im Gehen, im Gespräch und im gemeinsamen Tun. Dabei lädt er Menschen ein, Orte, Situationen und Beziehungen neu wahrzunehmen und sich aktiv darauf einzulassen.

nachtwandern.com

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