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10 Kriterien für eine gelungene Wanderung

Anhand der zweitägigen Wanderung von Ovronnaz über Derborence VS bis nach Pont de Nant VD erklärt unser Autor, welche zehn Dinge für ihn eine perfekte Wanderung ausmachen.
24.05.2024 • Text: Reto Wissmann, Bilder: Alex J. Wissmann

1. Asphaltfrei

Das Postauto kämpft sich die engen Kurven vom Rhonetal hinauf zum fast 900 Meter höher gelegenen Ferienort Ovronnaz. Das ehemalige Maiensäss liegt auf einer schönen Sonnenterrasse und ist heute einer jener typischen Walliser Tourismusdestinationen mit vielen Chalets, einigen Skiliften und einem Thermalbad. Wer es ganz gemütlich angehen will, nimmt von der Postautohaltestelle noch den Ortsbus bis zur Sesselbahn nach Jorasse.

Auch der Zielort der zweitägigen Wanderung ist gut erschlossen: Von Pont de Nant, einem winzigen Waadtländer Weiler mitten in den Bergen, fährt ein Bus praktisch direkt vom Bergweg aus hinunter zum Bahnhof in Bex. Das bedeutet: zwei Tage praktisch ohne einen Meter Asphalt.

2. Bequeme Höhenmeter

«Jorasse Airlines» haben die Hiesigen ihre kleine Sesselbahn von Ovronnaz hinauf nach Jorasse augenzwinkernd getauft. Der Lift hilft auf angenehme Weise, gut 500 Höhenmeter zu überwinden. Wer sich umdreht, sieht zudem schon das beeindruckende Panorama der Walliser Alpen auf der anderen Talseite. In Fahrtrichtung werden langsam die schroffen Zacken der Muverans-Kette sichtbar. Oben erwartet einen ein Bergrestaurant, bevor es dann für zwei Tage in die wilde Bergwelt der beiden Muverans geht.

3. König der Berge

Als schwarze Silhouette zeichnet sich der König der Berge auf der Frête de Saille, einem langen Grat zwischen Grand und Petit Muveran, vom stahlblauen Himmel ab. Stolz reckt der Steinbock seine eindrücklichen Hörner in die Höhe. Bei genauerem Hinsehen tauchen auch in den Geröllfeldern unterhalb der Cabane Rambert CAS weitere Böcke und Steingeissen auf, die nach spärlichen Kräutern suchen. Von den Wanderern lassen sie sich nicht stören. Sie wissen, hier haben sie nichts zu befürchten. Bereits 1911 wurde ein Gebiet von 58 Quadratkilometern zum eidgenössischen Jagdbanngebiet erklärt. Es gibt unter anderem auch Hirsche, Rehe, Birkhühner, Gämsen und Adler, und 2007 brüteten hier erstmals seit 150 Jahren im Wallis wieder Bartgeier.

4. Richtig erfrischend

Ein kleiner Wermutstropfen vorab: Baden ist im romantischen Lac de Derborence leider verboten. Hier hat die Natur Vorrang. Möglichkeiten zur Abkühlung gibt es auf der Sommertour aber trotzdem. Hartgesottenen bietet sich der Lac de la Forcle an. Der kleine See auf 2500 Metern Höhe wird vom schwindenden Gletscher gespiesen und ist entsprechend kalt und milchig. Nach einem schweisstreibenden Aufstieg zum Col de la Forcle kommt er aber gerade richtig. Im See entspringt die Dorbonne, ein Bergbach, der sich bis nach Derborence durch Schluchten zwängt und über Schwemmebenen fliesst und dabei immer wieder kleine Pools bildet. Für Erfrischung ist gesorgt.

5. Flora fantastica

Sobald der letzte Schnee geschmolzen ist, verwandeln sich die Alpwiesen in bunte Teppiche. Das kennt man. Besonders schön an dieser Tour ist, dass sie über praktisch alle alpinen Vegetationsstufen führt. In Derborence oder Pont de Nant dominieren dichte Föhren- oder Tannenwälder. An der Baumgrenze in Jorasse prägen einzelne uralte Lärchen das Bild. Auf den hochgelegenen Weiden bei Cheville, Anzeinde oder La Varre entfaltet sich noch vor dem Alpsommer die ganze Pracht der Alpenblumen. Und in den Steinwüsten, wo lange Schnee liegt oder sich die Gletscher erst vor Kurzem zurückgezogen haben, bilden Pionierpflanzen den ersten Humus für die erstaunlichen kleinen Farbtupfer von Steinbrech, Weidenröschen oder Alpendost.

6. Schauergeschichten

Wie immer bei solchen Katastrophen hatte der Teufel seine Finger im Spiel – und diesmal hat er den Menschen richtig übel mitgespielt: 1714 lösten sich riesige Gesteinsmassen von den Hängen der Diablerets und begruben weite Teile des Tals von Derborence unter sich. 14 Menschen kamen ums Leben, 55 Alphütten wurden verschüttet. Den Menschen hier wurde klar: Der Ort ist verflucht. Obschon ein Priester extra zur Teufelsaustreibung herkam, mieden die Älpler fortan das Gebiet. In der Folge konnte sich die Natur ungestört entfalten. Heute ist der Talkessel mit seinem neu entstandenen See ein schauderhaft schönes Kleinod am Fuss der Diablerets, wo der Teufel zumindest im Namen noch weiterlebt. Als Etappenziel der Zweitageswanderung ist Derborence auf jeden Fall ideal.

7. Energieoasen

Bunte tibetische Fahnen flattern im Wind. Rund um die niedrige Alphütte mit Wellblechdach weiden träge Eringer Kühe. Auf der Terrasse der Gîte de l’alpage de Dorbon servieren Carine und Florian frisch aufgebrühten Eistee mit Ingwer. Dazu gibt es hausgemachten Birnenkuchen. Die kleine Alpwirtschaft liegt gerade richtig, um nach einem langen Marsch noch die letzten Sonnenstrahlen zu geniessen.

Die zweitägige Tour führt zwar durch einsame Gegenden, wie durch ein Wunder tauchen aber immer wieder genau dann schöne Bergbeizen auf, wenn man Energie tanken muss. Neben der Gîte oberhalb von Derborence wären da noch die Cabane Rambert CAS etwas abseits des Weges am Fusse der beiden Muverans, die Herberge am Lac de Derborence, die Refuge Giacomini auf der weitläufigen Alp Anzeinde, die Buvette La Varre mit den sympathischen Hirten, die Alpage du Richard, wo feiner Alpkäse degustiert werden kann, und zur Krönung am Schluss der Tour die gehobenere Auberge du Pont de Nant.

8. Wegvielfalt

Während zweier Tage führt die Tour immer über weiss-rot-weisse Bergwanderwege, die insgesamt nach SAC-Wanderskala in den Schwierigkeitsgrad T3 eingereiht werden. Doch das sagt nichts über die unglaubliche Vielfalt der Wege aus: Zu Beginn ist es ein gemütlicher Höhenweg, bei dem man den Blick auch mal in die Ferne schweifen lassen kann. Es folgen kurze, aber steile Aufstiege, wo immer wieder auch die Hände zum Einsatz kommen. Beim ehemaligen Glacier de la Forcle sucht man sich den Weg über Felsblöcke. Dann wandert man wieder über breite Alpwege und weiche Wiesen, wo auch Barfusswandern möglich wäre. Kurze Abschnitte auf Kiessträsschen wechseln sich mit schmalen Weglein ab und flache Geraden mit engen Serpentinen.

9. Nähe und Distanz

Ein Gipfelerlebnis gehört nicht zu dieser Tour. Trotzdem wird einiges an Aussicht geboten. Eindrücklich ist vor allem, dass die Nahsicht plötzlich ebenso fasziniert wie die Fernsicht. Vor allem zu Beginn der Tour breitet sich auf der anderen Seite des Rhonetals die ganze westliche Alpenkette aus: vom Matterhorn über Grand Combin bis zum Mont Blanc. Danach verschwindet der Weg in den Felsen der Muveran-Gruppe und die imposanten Wände kommen immer näher. Besonders eindrücklich ist am zweiten Tag der Gang vom Pas de Cheville bis zur Alp Anzeinde. Unten schlängelt sich neben dem Weg ein Bächlein durch eine liebliche Alpwiese, oben drohen die senkrechten Wände der Diablerets, von wo sich immer wieder – zum Glück genug weit entfernt – Steine lösen und ins Tal kullern.

10. Weiterwandern

Nach zwei Tagen muss dieser Festschmaus für Wanderfreunde nicht zu Ende sein. Die Wanderung ist Teil der «Tour des Muverans», einer Hüttentour über 54 Kilometer, 8600 Höhenmeter und sechs Pässe in den Waadtländer und Walliser Alpen. Vor bald 25 Jahren hat eine Gruppe Einheimischer diese Umrundung des Muveran-Massivs realisiert. Wer noch nicht genug hat, kann also von Pont de Nant weiter durch einsame Täler, über schroffe Übergänge und farbenprächtige Alpwiesen wandern, bis der Ausgangspunkt Ovronnaz wieder in Sicht kommt.

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