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Wanderreportagen

Ein Kunstwerk aus Teufelshand

Hinter Menzingen ZG reiht sich Hügel an Hügel, einer lieblicher als der andere. Sanft geschwungene Wege laden zum Wandern durch die Bilderbuchlandschaft ein, deren Ursprung einst die Fantasie der Menschen beflügelte.
27.02.2026 • Text: Daniel Fleuti, Bilder: Severin Nowacki
Hochstämmer-Obstbäume prägen die Moränenlandschaft um Menzingen und verzaubern im Frühling mit ihrem Blütenmeer.
Frühlingswanderung durch Moränenlandschaft
Menzingen, Dorf — Sihlbrugg, Dorf • ZG

Frühlingswanderung durch Moränenlandschaft

Einen Pakt mit dem Teufel hätten sie geschlossen, die Bauern aus Menzingen. Sie wollten mehr Land, und der Teufel habe über Nacht die vielen Rundhöcker geformt, die nun die Landschaft zwischen Menzingen und Sihlsprung prägen. Doch die Bauern merkten rasch, dass sie betrogen worden waren. Die steilen Hänge waren schwierig zu bewirtschaften. Also ärgerten sie den Teufel und setzten auf jede Kuppe eine Linde. So zumindest erzählt es die Sage. In Wirklichkeit haben die sich zurückziehenden Gletscher von Reuss und Linth die einzigartige Moränenlandschaft von nationaler Bedeutung geformt. Und die mittlerweile mehrere Hundert Jahre alten Linden wurden gepflanzt, wenn auf einem Hof ein Stammhalter geboren wurde. Von Menzingen schlängelt sich der Wanderweg malerisch zwischen den Moränenhöckern durch – und auch mal darüber, weshalb man zwischendurch ordentlich ins Keuchen kommt. Wunderschöne Hochstammobstbäume und stattliche, gepflegte Höfe prägen das Bild; das Panorama reicht vom Säntis über die Churfirsten bis zur Rigi. Holzhäusern, Winzwilen und Schwand heissen die Wegpunkte unterwegs, danach gehts ordentlich bergab, am Fischrestaurant Sihlmatt vorbei zum Sihlsprung. Die Sihl rauscht hier wild und laut durch die enge Schlucht. Ein kurzer Tunnel schützt den Wanderweg vor Steinschlag. Von der schmalen Brücke, die auf die andere Flussseite führt, hat man einen tollen Blick auf das schäumende Wasser. Lauschig schlängelt sich nun der Weg fast bis zum Schluss der Tour dem Fluss entlang. Immer wieder laden kleine Buchten zum Bad und zur Rast. Kurz vor Sihlbrugg ändert die Welt; viel befahrene Strassen, Industriebauten, Autogaragen und Tankstellenshops übernehmen. Dazwischen hat es noch Platz für die Haltestelle des Busses, der einen nach Baar an den Bahnhof bringt.

zum Wandervorschlag

Um 2500 vor Christus liessen sich die ersten Menschen im Gebiet von Menzingen und Neuheim nieder. Sie rodeten Wälder, bauten Höfe und bestellten mit Elan ihre Felder. Kein Wunder, wuchsen die Familien rasch – und damit die Sorge, das Land möge nicht reichen, um alle zu ernähren. Hilfe erhofften sie sich vom lieben Gott und baten ihn um mehr Land. Der hingegen ermahnte sie zu mehr Bescheidenheit und Genügsamkeit und schlug ihren Wunsch in den Wind. Also versuchten sie es mit dem Teufel – und hatten Erfolg. Ein ganzes Heer von Teufelchen grub sich alsbald in die Erde und hob das Land mit den Schultern in die Höhe. Hügel um Hügel entstand. Die Bauern waren ausser sich vor Freude und schworen dem Teufel ewige Treue.

Sie merkten jedoch schnell, wie anstrengend es war, die steilen Hänge zu bewirtschaften, und fühlten sich betrogen. Zur Rache setzten sie auf jeden Hügel eine Linde oder ein Kreuz, denn beides hasst der Teufel. Zu seinem Ärger sind die Linden und Kreuze bis heute stehen geblieben. Die Hügel ebenso. Sie formen zwischen Menzingen, Neuheim und Hirzel eine Landschaft von einzigartiger Schönheit und stehen unter nationalem Schutz. Gebaut hat sie nicht der Teufel – wie es die Sage erzählt –, sondern der Reuss- und der Linthgletscher.

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Drumlins heissen die charakteristischen und von stattlichen Linden gekrönten Hügelkuppen zwischen Menzingen und dem Sihlsprung.

Drumlins – wie Elefantenrücken

Menzingen und Neuheim liegen im Kanton Zug, auf 700 bis 800 Metern Höhe. Das benachbarte Hirzel im Kanton Zürich bringt es auch nicht auf mehr Höhenmeter. Was haben Gletscher in solch einem Gebiet verloren? Im Lauf der letzten zwei Millionen Jahre herrschten hierzulande mehrere Eiszeiten. Die Durchschnittstemperaturen sanken, die Gletscher wuchsen und stiessen von den Alpen ins Mittelland vor. Auf ihrem Rücken transportierten sie jeweils viel Material: Gesteinsschutt, der sich durch Lawinen, Frostsprengungen, Verwitterung oder Bergstürze von den Bergen gelöst hatte und auf den Gletschern liegen blieb. Wurde es wärmer, zogen sich die Gletscher wieder zurück. Den Gesteinsschutt liessen sie in Form von Moränenwällen und Findlingen – grossen Gesteinsblöcken – in der Landschaft liegen.

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Als sich der Reuss- und der Linthgletscher vor 20 000 Jahren zum letzten Mal bis ins Mittelland ausbreiteten, trafen sich ihre Eismassen auf dem Höhenrücken zwischen dem heutigen Zugersee und Zürichsee. Die beiden Eiszungen lagerten hier nicht nur viel Moränenmaterial ab, sondern formten dieses durch ihre Fliessbewegungen auch noch zu sogenannten Drumlins – lang gestreckten Hügeln von rund 100 Metern Länge und 10 Metern Höhe, in der Form Elefantenrücken gleich. Die eine Seite des Hügels, die Auffahrt, ist meist steil. Auf dieser Seite stellte sich das Moränenmaterial der Bewegung des Gletschers entgegen. Die andere Seite ist sanft abfallend, sie folgte dem Fluss des Eises.

Grundstein der Höllgrotten

Zwischen den Drumlins suchte sich das Schmelzwasser seinen Weg und formte Tälchen und Senken. In diesen haben sich Flach- und Hochmoore gebildet. Die ökologisch wertvollen Lebensräume bieten seltenen Pflanzen wie dem Wollgras, dem Sonnentau und dem Torfmoos ein Zuhause. Abgeflossen ist das Schmelzwasser durch grosse, eindrückliche Täler, die ebenfalls durch die beiden Gletscher geformt worden sind. Besonders prägnant sind diejenigen der Sihl und der Lorze mit ihren hohen, teilweise senkrechten Nagelfluhwänden. Im Lorzetobel haben die Gletscher zudem den Grundstein gelegt für das Höhlensystem der Höllgrotten. Die einzigartigen Tropfsteinhöhlen sind erst 6000 Jahre alt und an der Oberfläche entstanden, wohingegen die meisten anderen Höhlensysteme sich während Jahrmillionen durch unterirdisch abfliessendes Wasser gebildet haben.

Findlinge aus der Zeit der Gletschervorstösse finden sich im Gebiet von Menzingen und Neuheim nur noch wenige. Die grossen, rötlich schimmernden Brocken aus Verrucano-Gestein wurden gerne für den Bau von Häusern verwendet. Verrucano ist das Leitgestein des Linthgletschers und hat seine Herkunft in den Glarner Alpen. Auf dem Gubel unweit von Menzingen lassen sich noch einige Exemplare bestaunen.

Die Linde – der heilige Baum

Zurück zur Sage mit dem Teufel. Ein bisschen Wahrheit birgt sie: Die Moränenlandschaft von Menzingen und Neuheim ist tatsächlich von zahlreichen Landwirtschaftsbetrieben geprägt. Streusiedlungen und Einzelhöfe bestimmen das Bild, dazu kommen ausgedehnte Wiesen mit einer hohen Artenvielfalt und prächtige Hochstamm-Obstgärten. Auch die Linden auf den Drumlins sind nicht erfunden – stattliche, teilweise mehrere Hundert Jahre alte Exemplare krönen die höchsten Punkte der Hügel. Die Linde galt seit jeher als heiliger Baum. Unter ihr wurde Gericht gehalten, Versammlungen durchgeführt und Feste gefeiert. Kam auf einem Hof ein Stammeshalter zur Welt, pflanzte man ihm zu Ehren oft eine Linde.

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Kurgäste aus Europa

Die Schönheit der Moränenlandschaft blieb nicht verborgen, die Wiege des Tourismus im Kanton Zug befindet sich in Menzingen. 1839 öffnete hier die Kuranstalt Schloss Schwandegg ihre Tore, gefolgt von Bad Schönbrunn und der Kuranstalt Gottschalkenberg. Aus ganz Europa strömten die Gäste herbei, um sich zu erholen und neue Kraft zu tanken. So wurde Menzingen früh ans Netz des öffentlichen Verkehrs angeschlossen. Ab 1904 verkehrten Omnibusse der Firma Orion von Zug nach Menzingen. Da diese jedoch Mühe hatten, die starke Steigung zu bewältigen, und zudem fürchterlich rumpelten, folgte neun Jahre später die elektrische Strassenbahn. Auch sie ist mittlerweile Geschichte, der Bus löste Mitte der 1950er-Jahre das Tram ab.

Dieser bringt Einheimische wie auch Wandernde zuverlässig in die Höhe. Im Dorfzentrum von Menzingen startet man, wie einst die Kurgäste, zur abwechslungsreichen Tour durch die Moränenlandschaft und das Tal der Sihl. Mal leichten Fusses hügelab, dann wieder keuchend hügelauf geht es über Holzhäusern, Winzwilen und Schwand zur Sihlmatt. Dass die Drumlins ordentlich steil sind, stimmt an der Sage also auch. Nach Sihlmatt tritt die Sihl in Szene, und das ohne Bescheidenheit. Am Sihlsprung zwängt sich der Fluss an den Nagelfluhfelsen vorbei, der Wanderweg wird teilweise in Tunnels geführt. Bei der Brücke wechselt man die Flussseite, und alsbald gewinnt das Tal an Lieblichkeit und Sanftmut. Blumenwiesen säumen das Ufer, Wälder schmücken die Abhänge. Beginnt es mit einem Mal ordentlich zu rauschen, naht Sihlbrugg. Zwischen Autogaragen, Tankstellen und Industriebauten findet man die Haltestelle des Busses nach Baar – und denkt während des Wartens gerne zurück an die liebliche Moränenlandschaft und die uralten Linden.

Übrigens: Der alte Orionbus ist erhalten geblieben. Er steht in Neuheim im Museum Zuger Depot Technikgeschichte, und ist noch immer fahrtüchtig.

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Erst wild, dann zunehmend zahmer zeigt sich die Sihl zwischen dem Sihlsprung und Sihlbrugg.

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Tipp

Nichts ist schöner, als an warmen Tagen am Ufer eines Flusses zu sitzen und die Füsse im kühlen Wasser zu baden. Im Wald nach dem Sihlsprung besteht dazu reichlich Gelegenheit. Vom Hauptweg führen immer wieder verschlungene Pfade zu traumhaften Buchten mit kleinen Kiesstränden.

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    Daniel Fleuti

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    Severin Nowacki

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