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Wanderreportagen

Die Königin der Täuschungen

Der Wildspitz ist mit 1580 Metern der höchste Punkt des Kantons Zug. Auf seiner Südseite gedeihen im Gebiet des Goldauer Bergsturzes viele Orchideen – unter ihnen auch die «Königin», der Frauenschuh.
27.02.2026 • Text und Bilder: Heinz Staffelbach
Der Frauenschuh blüht im Gebiet des Goldauer Bergsturzes normalerweise in der zweiten Maihälfte oder Anfang Juni.
Orchideen auf dem Weg zum Wildspitz
Goldau, Sportplatz — Unterägeri, Chlösterli • SZ

Orchideen auf dem Weg zum Wildspitz

Orchideen gehören mit ihren oft extravagant geformten Blüten zu den schönsten Entdeckungen am Wegrand. Dazu kommt, dass viele der 70 Schweizer Arten nur selten anzutreffen sind. Eine der schönsten Orchideen ist der Gelbe Frauenschuh. Sein grosser, intensiv gelber «Schuh» und die drei schmalen, purpurbraunen Blütenblätter bilden ein kontrastierendes Blütenpaar. Ein lohnender Ort, den seltenen Frauenschuh zu sehen, ist das Bergsturzgebiet oberhalb von Goldau SZ; die Blütezeit liegt je nach Jahr zwischen Mitte Mai und Ende Juni. Nach dem Niedergang der Felsmassen 1806 konnte sich stellenweise ein lichter Wald bilden, in dem der Frauenschuh die richtigen Bedingungen findet. Damit die Pflanzen überleben und sich auch vermehren können, ist es wichtig, sie aus etwas Distanz zu betrachten, damit der Boden um sie herum nicht verdichtet wird. Insgesamt gedeihen im Gebiet etwa 30 Orchideenarten, und auch seltene Schmetterlinge wie der Gelbringfalter und Vögel wie die Zippammer und der Wanderfalke leben hier. Die Wanderung beginnt in der Nähe des Natur- und Tierparks Goldau. Von hier führt die Wanderlandroute Nr. 828 «Goldauer Bergsturzspur» durch den Wald in die Höhe. Auf etwas über 900 m ü. M. ist ein Rundweg angelegt, auf dem man einige schöne Frauenschuh-Horste sieht. Dann geht es einer Krete entlang auf den Gnipen und zum Wildspitz, dem mit 1580 m ü. M. höchsten Punkt im Kanton Zug. Gleich unterhalb des Gipfels steht das Berggasthaus Wildspitz mit einer grossen Aussichtsterrasse und einem tollen Blick über den Lauerzersee und auf die Innerschweizer Alpen. Wer hier übernachtet, kann sich auf einmalige Lichtstimmungen bei Sonnenunter- und -aufgang freuen. Vom Wildspitz geht es via Punkt 1282, Alpli, Buschenchappeli und Zittenbuech nach Unterägeri, Chlösterli hinab.

zum Wandervorschlag

Beinahe unhörbar fällt die Sandbiene in den grossen gelben Kessel der Frauenschuhblüte. Sie ist von den auffälligen Farben und auch vom aprikosenähnlichen Duft der Blume angelockt worden, aber hat an den öligen Wänden keinen Halt gefunden. Nun sitzt die Biene auf dem Grund der Kesselfalle und weiss nicht, wie sie wieder entweichen kann. Doch dann entdeckt sie eine Reihe von Lichtöffnungen in der hinteren Wand der Blüte – mit einer Serie von lichtdurchlässigen Stellen weist die Blüte der Biene den Ausweg. Dorthin tippelt sie nun, und glücklicherweise ist die Blütenwand hier behaart und nicht ölig, sodass der Aufstieg leichtfällt. Doch dann folgt die nächste Prüfung: ein enger Durchgang. Mit emsigem Krabbeln schafft es das Insekt hindurch, sein Rücken schleift dabei an der oberen Deckenwand entlang und Blütenpollen bleiben an der Narbe hängen. Dann endlich – die Biene ist wieder frei und brummt davon. Gleich darauf wird sie eine andere Frauenschuhblüte mit den frisch gesammelten Pollen bestäuben.

So viele raffinierte Tricks wie beim Frauenschuh gibt es nicht oft in der Pflanzenwelt. Angefangen bei der Täuschung, denn die Blüte bietet den Bienen keinerlei Nahrung wie Nektar an. Darum zählt die Botanik den Frauenschuh zu den Täuschblumen. Und dann das Hineinfallen und die gezielte Leitung zu den eigenen Fortpflanzungsorganen – damit ist der Frauenschuh gleichzeitig eine sogenannte Kesselfallenblume.

Von unscheinbar bis extravagant

Die wohl auffälligste Orchideenart der Schweiz ist in ihrem Bestand gefährdet; in einigen Regionen gilt sie als selten, in anderen, etwa in der Westschweiz, ist sie gar vom Aussterben bedroht. Ein bekanntes Vorkommen liegt im Bergsturzgebiet oberhalb von Goldau SZ, und am erfolgversprechendsten ist hier eine Wanderung in der zweiten Maihälfte und Anfang Juni. Dann sagt man sich nicht einfach «Grüezi» bei einer Begegnung, sondern begrüsst sich etwa auf die Art «Hoi, habt ihr sie schon gesehen?» «Ja, etwas weiter oben, links des Weges». Die Wanderung führt dabei in fast gerader Linie von Goldau durch die Schuttmassen des Bergsturzes von 1806 hoch bis auf den Gnipen. Im unteren Teil ist man im dichten Wald unterwegs, im oberen Teil ist der Baumbestand viel lockerer. Das ist ideal für den Frauenschuh, der es gerne halbschattig mag. Oberhalb von 940 Metern ist rechts der Route 828 ein offizieller Frauenschuh-Rundweg ausgesteckt.

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Auch das Langblättrige Waldvögelein ist eine Orchideenart, die im Gebiet des Goldauer Bergsturzes blüht.

Neben dem Frauenschuh gedeihen hier noch eine Reihe von anderen Orchideenarten, zum Beispiel die Vogel-Nestwurz. Sie ist unscheinbarer als der Frauenschuh, ihre Blüten sind viel kleiner, vor allem aber bildet sie praktisch kein Chlorophyll und hat damit ein schlichtes, beiges Kleid. Auch ihre Spaltöffnungen sind spärlich und funktionslos, und sogar Wurzelhaare, um Wasser und Nährstoffe aufzunehmen, fehlen bei ihr vollkommen. Der Grund ist folgender: Die Vogel-Nestwurz ist ein Vollschmarotzer und wird vom Fadengeflecht (Hyphen) von Pilzen ernährt. Interessant dabei ist, dass der Pilz sich seinerseits von Baumwurzeln ernährt; die Vogel-Nestwurz lebt also im Prinzip vom Baum. Trotz dieses «bequemen» Lebens dauert es von der Keimung bis zur Blüte etwa neun Jahre. Zu den weiteren Orchideenarten im Goldauer Bergsturzgebiet gehören das Weisse Breitkölbchen und das Langblättrige Waldvögelein – insgesamt gedeihen hier etwa 30 verschiedene Orchideenarten.

Lebenskünstlerin

Es gibt Orchideenarten, die das Aussehen und den Geruch von Insektenweibchen nachahmen, sodass sich die Insektenmännchen mit den Blüten zu paaren versuchen – und sie dabei bestäuben. Zu diesen gehören in der Schweiz die Arten der Gattung Ragwurz (Ophrys), etwa die Bienen-Ragwurz und die Hummel-Ragwurz.

Eine weitere Eigenheit der Orchideen sind ihre Samen. Die sind nämlich nicht nur extrem klein (sie können bis zu 0,1 mm klein sein), sie enthalten auch keinerlei Nährgewebe und bestehen nur aus dem Embryo und der Hülle. Damit diese Embryonen doch keimen und wachsen können, sind sie auf die Symbiose mit speziellen Pilzen angewiesen, die sie mit Nährstoffen versorgen. Was wie ein toller Trick klingt, birgt auch Gefahren, da sich der Orchideenembryo damit in Abhängigkeit vom Vorkommen des Pilzes begibt. Verändert sich der Lebensraum und verschwindet der Pilz, verschwindet auch die Orchidee. Umso erstaunlicher ist es, dass es weltweit trotzdem mehr als 25 000 Orchideenarten gibt, in der Schweiz sind es etwa 70 Arten.

Gratwanderung im Naturschutz

Katastrophen sind in der Natur oft der Startschuss für eine neue Entwicklung von Lebensräumen. Vulkane können unendlich viel Zerstörung bringen, aber auch Keimbett für eine neue Vegetation sein. Brände vernichten grosse Waldgebiete, sie schaffen aber auch grosse Flächen mit viel Sonnenlicht, auf der lichtbedürftige Pflanzen Fuss fassen können. Und regelmässige Überschwemmungen machen erst dynamische Auenlandschaften möglich. Nach dem katastrophalen Bergsturz vor über 200 Jahren entwickelte sich im Bergsturzgebiet bei Goldau eine neue Lebensgemeinschaft aus Pflanzen, Tieren und Pilzen.

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Zwei mächtige Nagelfluh-Blöcke im Bergsturzgebiet. Links die östliche Anrisskante, im Talkessel der Lauerzersee.

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Entspannte Pause im Bergsturzgebiet.

Doch es gibt auch Fragen und Herausforderungen. Wie viele Besuchende sind zu viel, und verhalten sich alle rücksichtsvoll gegenüber dem Frauenschuh und anderen seltenen Arten? Die Pflanzen dürfen beispielsweise keinesfalls ausgegraben und im eigenen Garten eingesetzt werden und sollten nur aus der Distanz betrachtet werden, um den Boden um sie herum nicht zu verdichten.

Ökologen und Förster beschäftigt zudem die Frage: Soll man das Gebiet sich selbst überlassen, um so natürliche Prozesse zu ermöglichen, oder soll man gezielt eingreifen, um etwa den Wald aufzulichten und gefährdeten Arten wie dem Frauenschuh eine Chance zu geben?

Fest steht: Das Überleben des Frauenschuhs ist hier von der Wertschätzung und vom Respekt der Besuchenden abhängig.

Tipp

Das Berggasthaus Wildspitz direkt unterhalb des Gipfels bietet eine grosse Aussichtsterrasse, von der man einen fantastischen Blick über den Lauerzersee und auf die Innerschweizer Alpen hat. Wer hier übernachtet, kommt in den Genuss einzigartiger Lichtstimmungen bei Sonnenunter- und -aufgang.

wildspitz.ch

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    Heinz Staffelbach

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    Zentralschweiz Magazin DAS WANDERN

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