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Portraits

«Für mich bedeutet SOTA dasselbe wie ‹vor Glück platzen›»

René Lutz sitzt auf dem Baselbieter Stürmechopf und spricht ins Mikrofon. Seine Worte tönen für Laien wie Kauderwelsch. Er und seine Frau Carine Kalbermatten sind SOTA-Funker: Sie wandern auf Berggipfel und stellen von dort Funkverbindungen in die ganze Welt her. Und warten gespannt, wer sich meldet.
10.04.2026 • Interview: Reto Wissmann, Bilder: Sam Buchli
Auf dem Stürmechopf funken René Lutz und Carine Kalbermatten mit Gleichgesinnten in Japan, in Finnland und auf den Kanaren.

Das Zuhause von Carine Kalbermatten und René Lutz im idyllischen Solothurner Dorf Grindel ist einfach zu finden: Rund um das Einfamilienhaus ragen diverse Funkantennen in den Himmel. Das Erdgeschoss ist vollgestopft mit Kabeln, Adaptern und elektronischen Geräten. Von hier aus betreiben sie ihr Geschäft für Amateurfunkbedarf, das in der Szene europaweit bekannt ist.

Auch in der Wohnung der beiden im oberen Stock ist das Funken omnipräsent: Ein Zimmer, ausgerüstet mit Dutzenden Monitoren und Funkgeräten, dient einzig und allein als Funkstelle. In den übrigen Räumen finden sich überall ihre Rufnamen HB9NBG und HB9FZC als Plaketten, Window-Color-Kunstwerke oder Aufstellbuchstaben. Doch schnell wird klar, dass die beiden noch eine andere Passion umtreibt: An den Wänden hängen ein paar alte Holzskier und Tafeln mit Sprüchen wie «Der Berg ruft» oder «Nichts beeindruckt mich mehr als der Anblick der Berge».

Die Kombination beider Leidenschaften heisst SOTA – Summits on the Air, zu Deutsch Gipfel auf Sendung. Bei diesem Amateurfunkprogramm senden sogenannte Aktivatoren mit portablen Geräten von Berggipfeln aus und versuchen, Verbindungen zu anderen Funkerinnen und Funkern irgendwo auf der Welt herzustellen. Erreichen die Aktivatoren mindestens vier Menschen, gilt der Gipfel als aktiviert und es gibt Spielpunkte für beide Seiten. Damit ein Berg als SOTA-Gipfel infrage kommt, muss er mindestens 150 Höhenmeter aus dem umliegenden Gelände herausragen. Carine Kalbermatten und René Lutz aktivieren jedes Jahr rund 100 Gipfel und gehören damit zu den aktivsten SOTA-Funkern weitherum.

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Zu den Personen

Carine Kalbermatten (*1976) ist im Wallis aufgewachsen, hat das Lehrerseminar absolviert, Betriebswirtschaft studiert und im mittleren Kader der Post gearbeitet. René Lutz (*1973) gründete unmittelbar nach seiner Lehre als Audio- und Videoelektroniker ein eigenes Geschäft für Heimelektronik. Kennengelernt haben sie sich 2005 über eine Kontaktanzeige von René Lutz im «20 Minuten», in der er eine Partnerin für Wanderferien gesucht hatte. Heute sind die beiden privat und beruflich ein Paar und führen zusammen die Firma Lutz-Electronics für Amateurfunkbedarf in Renés Geburtsort Grindel.

Was fasziniert euch an diesem Hobby?

Carine Kalbermatten: Für mich bedeutet SOTA dasselbe wie «vor Glück platzen». Die Kombination aus der Bewegung beim Wandern, der Kommunikation mit Gleichgesinnten auf der ganzen Welt und den technischen Herausforderungen macht es aus. Es ist also sehr abwechslungsreich und jedes Mal wieder anders. Ich könnte das jeden Tag machen!

René Lutz: Hinzu kommt die Faszination des Wettbewerbs. Es ist wie ein Spiel, bei dem man Punkte sammelt und sich mit anderen misst. Unterdessen werden in der Schweiz allerdings die begehrten Erstaktivierungen immer schwieriger. Hier warten besondere sportliche und technische Herausforderungen. Es gibt SOTA-Funker, die schon die Dufourspitze oder das Matterhorn bestiegen haben.

Treibt euch die reine Freude an den Bergen und am Funken an, oder hat SOTA auch einen praktischen Nutzen, zum Beispiel für die Kommunikation im Krisenfall?

René Lutz: Der Notfunk hat einen wichtigen Stellenwert. Nach den starken Schneefällen im Frühling 2025 zum Beispiel brach die Kommunikation im Mattertal und im Saastal komplett zusammen. Da haben Walliser Funkamateure schnell wieder ein Kommunikationssystem aufgebaut. SOTA-Funk und die Aktivierung von Berggipfeln sind aber ein reines Hobby, das einfach nur sehr viel Spass macht.

Direkt von Grindel aus laufen wir los in Richtung Stürmechopf, vom Kanton Solothurn in den Kanton Basel-Landschaft. Der 768 Meter hohe Hügel – unter SOTA-Funkern bekannt als HB/BL-013 – ragt prominent aus der Jurakette heraus und bietet eine schöne Aussicht auf das Laufental und den Schwarzwald. Zügig schreiten Carine Kalbermatten und René Lutz voran, geniessen die ihnen bestens bekannte Landschaft und erzählen von vergangenen Wanderungen.

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Der Stürmechopf ist nicht nur für SOTA-Funker, sondern auch für Wandernde ein lohnendes Ziel.

Seid ihr übers Funken zum Wandern gekommen oder war es umgekehrt?

René Lutz: Wir wandern beide schon seit unserer Kindheit. Nachdem wir uns kennengelernt hatten, waren wir viele Jahre nur auf markierten Wanderwegen unterwegs und haben weiss-blau-weisse Routen gemieden. Ein Handfunkgerät war bei mir aber schon immer im Rucksack. Damit kamen wir zufällig in Kontakt mit einem SOTA-Funker. Heute erklimmen wir auch anspruchsvolle Gipfel, auf die kein Weg führt, zum Beispiel das Walliser Stellihorn. Und die Funkausrüstung ist umfangreicher geworden.

Im Gepäck haben die beiden heute zwei mobile Funkstationen und Material für eine Antenne, die mithilfe der Wanderstöcke und eines selbst entwickelten Adapters auf über fünf Meter Höhe ausgezogen werden kann. Je nach Tageszeit und durch die Sonne verursachte Veränderungen in jener Schicht der Erdatmosphäre, die Radiowellen reflektiert, können sie damit theoretisch alle Kontinente erreichen.

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Die Funkantenne mit Wanderstöcken als Basis hat René Lutz selbst entwickelt.

Auf dem Gipfel angekommen, baut das Paar routiniert die Antenne auf und stürzt sich ins elektromagnetische Wellenbad. Mit Wellenlängen zwischen 10 und 20 Metern senden sie zunächst im CW-Modus – im Morse-Modus – einen sogenannten CQ, einen allgemeinen Aufruf, in den Äther. Es dauert nur Sekunden, bis sich die ersten Chaser melden: Es kommen Antworten aus Finnland, Tschechien, den Niederlanden, Deutschland, von Sizilien, den Kanarischen Inseln und aus Schaffhausen. In für Laien unfassbarem Tempo bedient Carine Kalbermatten den Handtaster für die Morsezeichen und empfängt die akustischen Striche und Punkte. Die Unterhaltungen beschränken sich meist auf ein GM (Good Morning/Guten Morgen), die Rufnamen der Funkenden, Angaben zur Verbindungsqualität, ein GL (Good Luck/Viel Glück) oder ein lobendes FB (Fine Business/Gute Arbeit). Melden sich alte Bekannte, schickt Carine Kalbermatten auch mal ein 88 in die Ferne, was für «Liebe und Küsse» steht. «Funkerinnen und Funker können eben mit wenigen Zeichen viel sagen», erklärt sie schmunzelnd.

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SOTA-Funken bedeutet für Carine Kalbermatten nicht weniger als «vor Glück platzen».

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DAS WANDERN 2/2026

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Was sind das für Leute, die dieses Hobby betreiben?

Carine Kalbermatten: Das geht quer durch die Bevölkerung, Jung und Alt, Akademiker und Handwerker. Die meisten sind eher sportlich. Und leider ist das Ganze immer noch etwas männerlastig, was ich überhaupt nicht verstehe.

Der Stürmechopf ist längst aktiviert, dennoch wechselt René Lutz noch in den SSB-Modus, den Sprechfunk. Wieder melden sich Funker aus halb Europa. Das reicht ihm aber immer noch nicht. Er will unbedingt jemanden aus Übersee erreichen. Ein letztes Mal versucht er es. Und siehe da, ein Chaser aus Japan, dem Land mit den meisten Funkamateuren weltweit, meldet sich. Obschon René Lutz seit Jahren oft mehrmals wöchentlich unterwegs ist, freut er sich darüber fast wie am ersten Tag. Der Ausflug war ein Erfolg. Nach einer Stunde packen die beiden ihr Equipment zufrieden wieder ein.

An diesem Vormittag sind wir allein auf dem Stürmechopf. Je nach Wochentag, Wetter und Region müssen sich die Funker ihre SOTA-Gipfel aber teilen.

«Die Antenne am Gipfelkreuz zu befestigen, geht zum Beispiel gar nicht.»

Carine Kalbermatten, SOTA-Funkerin

Wie reagieren andere Wandernde, wenn sie euch auf dem Gipfel begegnen?

René Lutz: Oft erklären wir den Leuten zuerst, was wir machen. Dann sind die Reaktionen meist positiv und interessiert. Viele sind begeistert, wenn sie plötzlich Stimmen aus der ganzen Welt hören. Selten gibt es aber auch Wandernde, die nicht akzeptieren können, dass wir ausgerechnet auf dem Gipfel funken müssen. Sie fühlen sich vor allem durch den Geräuschpegel gestört. Beim Sprechfunk kann ich das teilweise nachvollziehen. Das Morsen hingegen hört man kaum.

Carine Kalbermatten: Wir sind wirklich sehr diskret und wissen, dass der Berg für alle da ist und nicht nur für die SOTA-Funker und -Funkerinnen. Rücksichtsloses Verhalten lehnen wir ab. Die Antenne am Gipfelkreuz zu befestigen, geht zum Beispiel gar nicht.

Mit Videos und Beiträgen in den sozialen Medien sowie durch Workshops geben Carine Kalbermatten und René Lutz ihre Leidenschaft für das Funken und die Berge weiter. Das Interesse ist vorhanden, die Community wächst. Amateurfunk wird dadurch zunehmend eine Outdoor-Beschäftigung. Ein Grund dafür ist, dass es in Wohnquartieren zunehmend schwieriger wird, eine Bewilligung für eine leistungsstarke Funkantenne zu erhalten. Gut möglich also, dass man auf Berggipfeln künftig öfter ein ---../---.. oder ein --./.-.. zu hören bekommt.


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