Auf einem roten Bänkchen sitzt ein junges Pärchen auf 1794 Metern über Meer im Abendlicht. Er sagt etwas, sie wirft lachend ihren Kopf in den Nacken. Erfreut über den Effekt seines Kommentars, fährt ein Grinsen über sein Gesicht. Nur das Kneten seiner Hände verrät die leichte Anspannung eines ersten Dates. Haben die beiden vielleicht bereits gefunden, weshalb heute alle hier sind?
Vier Stunden zuvor, rund 900 Höhenmeter weiter unten, in Brülisau. Auffallend viele junge Menschen in Wanderschuhen haben sich vor der Kirche versammelt. Einige sind aufgekratzt, reden laut, lachen lauter. Andere eher zurückhaltend, stehen alleine, beobachten verstohlen ihr Umfeld. Es ist der Beginn einer geführten Wanderung auf den Hohen Kasten. Singles only.
Wandern als Mittel zum Zweck
Eine junge blonde Frau mit einem Badge, auf dem gross «Staff» steht, greift zum Megafon. Gut gelaunt begrüsst Chiara alle Teilnehmenden und erklärt kurz den Ablauf des heutigen Tages: Wandern, Pause beim Ruhesitz, dann entweder Weiterlaufen bis auf den Gipfel oder mit dem Trottinett wieder herunterrollen und die Luftseilbahn nehmen. Gefolgt von einem Zweigänger im Drehrestaurant. Und während der ganzen Zeit die Möglichkeit, einander kennenzulernen.
Chiara gehört zu Noii, einem Start-up aus Zürich, das sich analoges Dating zum Geschäft gemacht hat. Noii organisiert Events wie Keramikworkshops, Pubquizes, Coffee Walks, Spieleabende, After Work Drinks und Partys in Zürich, Basel, Luzern, Bern und heute auch im Appenzellerland.
Es ist bereits die zweite Singles-Wanderung von Noii, beide ausverkauft. Ein Ticket kostet 89 Franken. Laura Matter, Gründerin von Noii, ist nicht überrascht: «Das Wandern eignet sich gut zum Daten, da man sich dabei nicht die ganze Zeit in die Augen schauen muss, es eine natürliche Atmosphäre schafft und man gemeinsam etwas erlebt.»
Nina Ergens vom Hohen Kasten und Laura Matter von Noii.
Weitere Angebote in der Schweiz
Nicht nur Noii organisiert Dating-Wanderungen. Auch die St. Galler Wanderleiterin Lisa Eberhard bietet unter ihrem Label Wild Trek Tours geführte Wanderungen für Alleinstehende an – das nächste Mal am 22. August 2026 in Amden SG. Bis zu 100 Leute können teilnehmen. «Ich erhalte täglich neue Anmeldungen», berichtet Lisa. «Die Nachfrage ist sehr gross.»
In der Romandie gibt es ebenfalls Angebote, zum Beispiel jenes von Lemanrunning. Die Single-Wanderungen des Laufclubs richten sich jeweils an unterschiedliche Altersgruppen, zum Beispiel an 30- bis 45-Jährige, 45- bis 60-Jährige oder an 60 Jahre plus. Gewandert wird mit Konzept: Alle 15 Minuten wird die Begleitung gewechselt, ähnlich wie beim klassischen Speeddating.
Der Weg zum Ziel
Nach einem kurzen angeleiteten Dehnen startet die Wanderung im Appenzellerland. Organisch bilden sich lauter Grüppchen, die wild drauflosplappernd den Berg hochsteigen und gleichzeitig versuchen, nicht zu sehr ausser Atem zu geraten. Unterarme berühren sich scheinbar zufällig.
Dazwischen einige Frauen- oder Männer-only-Grüppchen. Nina Ergens, Marketingleiterin des Hohen Kastens und heute auch Teil des OK-Teams, das mitwandert, meint: «Wir müssen etwas darauf achten, dass sich die Geschlechter gut vermischen. Oft laufen Frauen, die sich gut verstehen, zusammen. Einen Mann anzusprechen, bedeutet, aus der Komfortzone auszubrechen.»
Die gesamte Wandertruppe besteht aus einer bunten Mischung von 21- bis 42-Jährigen. Von der Akademikerin zum Bauern, vom Bierbrauer zur Finanzfrau – das berufliche Spektrum ist breit. Die meisten kommen aus den beiden Appenzell und den Kantonen St. Gallen oder Zürich. «Wir sind für die Wanderung extra vier Stunden angereist», verkünden zwei Bernerinnen, die heute Nacht im Hotel übernachten werden.
Datingapp-Fatigue und wenig Erwartungen
Die Sonne brennt vom Himmel, der Schweiss strömt von der Stirn, und bald leuchten die Köpfe rot. Bei dieser Art des Datings wird nichts weichgezeichnet. Hier blickt man dem Gegenüber von Anfang an ins echte Gesicht. «Auf den Datingapps gibt es mittlerweile so viele Fake-Profile und KI», meint die 36-jährige Ashi desillusioniert und trinkt einen Schluck Wasser. Die Abgestumpftheit und Datingapp-Fatigue erwähnen viele Teilnehmende.
Die meisten haben aber keine hohen Erwartungen oder wollen sie zumindest nicht zugeben. «Einfach mal schauen», lautet der allgemeine Tenor. Nicht so bei Lukas aus Flims – er wandert mit Plan. Zuhinterst gestartet, hat er sich schnell an die Spitze der Wandergruppe vorgearbeitet. «Ich suche jemanden Sportliches und erkenne so gleich, wer mithalten kann.» Natürliche Selektion beim Wandern.
Einmal durchgemischt
Beim Berggasthaus Ruhsitz angekommen, machen alle eine kurze Verschnaufpause. Eine gute Gelegenheit, wieder mit neuen Menschen ins Gespräch zu kommen, denn während der Wanderung selbst ist der Partnerwechsel manchmal gar nicht so einfach. Die eigene Kondition und die Breite des Wanderwegs setzen Grenzen.
80 Prozent der Teilnehmenden wählen anschliessend die Option «the full hike», die bis auf den Gipfel führt. Das Team von Noii teilt die Wandernden in vier Gruppen ein, die nacheinander starten. Vincent, 32, trägt ein Goldkettchen, eine Garmin-Uhr und einen akkurat getrimmten Bart. Er meint: «Während des Aufstiegs ist es manchmal etwas schwierig, sich trotz des vielen Schnaufens noch zu unterhalten. Aber die Leute sind cool!»
Vincent schätzt die entspannte Datingatmosphäre während des Wandertags.
Wanderbegleitung und Wandertinder
Beim Angebot «Wanderbuddy suchen und finden» von den Schweizer Wanderwegen geht es mehr ums gemeinsame Schnaufen – also Wandern – als ums Daten. Auf schweizer-wanderwege.ch kann man ein Inserat aufgeben und beschreiben, ob man eher eine Gipfelstürmerin oder ein Genusswanderer ist und sucht. «Dies ist zwar in erster Linie keine Partnerbörse», meint Vera In-Albon, Verantwortliche für die Digitale Kommunikation der Schweizer Wanderwege. «Es spricht aber nichts dagegen, auch nach einer Wegbegleitung+ zu suchen, solange das Thema Wandern im Vordergrund steht.»
In eine ähnliche Richtung zielt das «Wandertinder» des 30-jährigen Freiburgers Thibaud Monney, das vor einiger Zeit breit in den Medien aufgegriffen wurde. Der Romand platzierte kleine rote Notizbücher auf den sechs Freiburger Gipfeln Les Merlas, Teysachaux, La Vudalla, Le Van, Wandflue und Dent de Broc. Darin können die Singles ihre Kontaktdaten schreiben und so vielleicht eine Wanderbegleitung fürs Leben finden.
Ashi hat auf der Wanderung mit einer Handvoll Männer gesprochen.
Gipfel der Gefühle
Die ersten Gruppen erreichen den Gipfel des Hohen Kasten. Ein Wanderpaar klatscht sich glücklich ab. Zu zweit und zu dritt stehen die Ankommenden auf der Aussichtsplattform zusammen und blicken Richtung Säntis oder ins Rheintal hinunter und auf die österreichischen Alpen. Manche geniessen den Moment still für sich.
So auch Ashi. Den Reissverschluss ihres schwarzen North-Face-Fleece hat sie hochgezogen, langsam wird es kühler. Sie hat auf der Wanderung mit einer Handvoll Leute gesprochen. «Am schwierigsten war es jeweils, wieder mit jemandem Neuen ins Gespräch zu kommen.»
Während die Sonne langsam untergeht, strömen die über 100 Singles ins kreisrunde Drehrestaurant. Ausser ihnen ist niemand mehr hier, heute Abend sind sie unter sich.
113 Singles strömen in das Drehrestaurant auf dem Hohen Kasten.
Zwei Gänge mit Partnerwechsel
Bevor das Abendessen losgeht, herrscht reges Treiben in den Toiletten. Die Motivierten sprühen sich Deodorant unter die Achseln, binden sich die Haare neu, tauschen das verschwitzte Wandershirt gegen ein neues.
Zu acht nehmen sie jeweils an langen Tischen Platz. Lehnen sich nach vorn, sodass sie ihr Gegenüber besser verstehen können. Nach dem ersten Gang rücken die Männer einen Tisch weiter. Von Neuem wird angestossen. Nina Ergens beobachtet das Treiben vom Rand aus. «Es ist schön zu sehen, wie sich die Stimmung im Vergleich zum Anfang verändert hat. Innert weniger Stunden ist ein Gemeinschaftsgefühl entstanden.»
Schon bald ist es 21:45 Uhr, die erste Seilbahn fährt wieder ins Tal. Langsam ist eine Müdigkeit zu spüren, in der Kabine wird nur noch in gedämpftem Ton gesprochen. «Ich habe die ganze Woche nicht so viel geredet wie heute», meint eine Teilnehmerin erschöpft grinsend.
Bei der Talstation angekommen, machen sich die Singles auf den Heimweg und verschwinden einer nach der anderen in der Dunkelheit der Nacht. Wieder alleine. Ob sich jemand wiedersehen wird, bleibt offen. Laura Matter von Noii bleibt gelassen. «Wenn du gerne wanderst, kannst du nur gewinnen – selbst wenn am Schluss die grosse Liebe nicht dabei war.»
Gratwandern Hoher Kasten
Inmitten der lieblich‑hügeligen appenzellischen Märchenlandschaft mit den Streusiedlungen, den typischen Bauernhäusern, die wie Puppenhäuser anmuten, liegt das Dorf Brülisau. Dort ist auch die Luftseilbahn zu Hause, die den Hohen Kasten bequem in acht Minuten Schwebezeit erschliesst. Im Drehrestaurant mit den Panoramafenstern lässt sich bei einem Kaffee die Rundumsicht geniessen: ins Rheintal hinunter und auf die umliegenden Gipfel wie Altmann oder Säntis. Der erste Teil der Route führt als Höhen‑ und Gratwanderung über den geologischen Wanderweg, der Trittsicherheit und Schwindelfreiheit voraussetzt. Interessierte können sich bei 14 Schautafeln über die geologischen Phänomene des Alpsteins informieren, alle andern geniessen die Aussichten auf die Gipfel rechter Hand und sind vollauf beschäftigt mit dem geistigen Schmieden künftiger Wanderausflüge. Wer kurz vor dem Restaurant Staubern den Blick hebt, entdeckt einen gelben Briefkasten, der hoch oben mitten am Fels klebt - er entstammt dem Projekt Kunst auf dem Grat und nicht Briefe schreibenden Vögeln. Nach dem Restaurant mit einer Seilbahn ins St. Galler Rheintal hinunter lichtet sich die Reihe der Entgegenkommenden merklich. Genussreich geht’s weiter der Höhe entlang bis zur Saxer Lücke. Ein letzter Blick nach Liechtenstein hinüber, dann steigt man hinab zum Berggasthaus Bollenwees mit seinem idyllischen Seelein. Die Route steigt weiterhin ab, vorbei am Fälensee. Nach einer schönen Talebene taucht mit dem Sämtisersee der dritte See des Tages auf. Das letzte Teilstück nach Brülisau zurück führt über Hartbelag steil abwärts. Wer zu Kniebeschwerden neigt, ist gut beraten, die Wanderstöcke einzusetzen. Nach dem Waldausgang ist der Anfangs‑ und Endpunkt der Wanderung, die Talstation der Luftseilbahn, schon von Weitem zu sehen. Ein kühles Getränk im Restaurant nebenan ist nach der langen Wanderung redlich verdient.