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Kolumne ABO

Wandern ist sich versammeln

27.02.2026

Vor Kurzem hörte ich eine Vorlesung der Anthropologin Anna L. Tsing. Dort fiel ihr Satz «Landscape is a gathering in the making». Frei übersetzen lässt sich das vielleicht als: «Landschaft ist ein andauerndes Sich-Versammeln». Diese Definition ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich glaube, Tsing meint damit, dass die Landschaft als Prozess verstanden werden kann. Fertig geformt ist sie nie. Und weil wir Menschen uns in den Landschaften bewegen, sind auch wir Teil dieses andauernden Sich-Versammelns.

Anfang dieses Jahres habe ich mich mit anderen Menschen für mehrere Tage auf einem Berg versammelt. Für mich war es das erste Skilager in meinem Erwachsenenleben, und ich wusste nicht recht, was mich hier erwarten würde. Die Autorin Priya Parker umschreibt in ihrem Text «The Art of Gathering» ein «Gathering» als das bewusste Zusammenbringen von Akteuren und Akteurinnen aus einem bestimmten Grund. Das Ziel dieses Zusammenbringens sei es, ein Zugehörigkeitsgefühl zu schaffen. Passiert uns das auch in der Landschaft? Kann ich mich gewissen Baumgruppen zugehörig fühlen? Einer Bergkette …?

Wir Lagermenschen fühlten uns einander jedenfalls zugehörig, wir haben als grosse Gruppe zusammen gekocht und gegessen, Spiele gespielt und im selben Raum geschlafen. Den Tag hindurch haben wir uns zerstreut, anderen Ansammlungen angeschlossen und sind so den Berg hinuntergesaust.

In der engen Schlange zur Gondelbahn wurde mir mulmig, das geht mir manchmal so, wenn Ansammlungen zu Massen werden. Langsam rückte die Schlange vorwärts. Mir kamen Kaiserpinguine in den Sinn, die sich in Gruppen warmhalten; sie zwängen sich eng aneinander und machen rhythmisch kleine Schritte, um die warmen Plätze zu rotieren. In Zeitrafferaufnahmen sehen die Bewegungen aus wie Wellen.

Das Schöne ist: Beim Wandern können wir uns von Menschenmassen abstossen. Es steht uns frei, den Ort zu wechseln und als wandernde Körper die Landschaft neu zu formen. Indem wir Felsen, Bächen oder Büschen nahekommen, zum Beispiel – ganz nach Anna L. Tsing.

Über die Autorin und Illustratorin

Autorin: Ava Slappnig hat Germanistik, Gender Studies und Kulturpublizistik studiert. Sie arbeitet als Aufsicht im Kunstmuseum Bern und als Journalistin im Kulturbereich. Neben den offiziellen Wanderwegen erkundet sie auch mal Diskurse, Ideen und gesellschaftliche Phänomene.

Illustratorin: Zu jeder Kolumne gestaltet die junge visuelle Gestalterin Leonie Jucker aus Bern eine lllustration.

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