Sonnige Uferwanderung entlang der Reuss
Dass es im Schweizer Mittelland und in den breiten Alpentälern unterdessen rund 5000 Biber gibt, ist keine Selbstverständlichkeit: Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das Nagetier in der Schweiz vollständig ausgerottet. Erst im 20. Jahrhundert ist der Biber wieder angesiedelt worden und breitet sich seither kontinuierlich aus. Seit 2010 ist er auch im Kanton Zug ansässig – insbesondere im Gebiet Ennetsee zwischen Reuss und Zugersee, wo diese Wanderung situiert ist. Von der Bushaltestelle «Hünenberg, Dorf» führt der Wanderweg zunächst durchs Quartier und dann zur frei zugänglichen Burgruine – dem historischen Ursprung Hünenbergs. Nach einem Abschnitt durch schattigen Wald entlang des Drälikerbachs geht es auf einem Feldweg über die Reussebene Richtung Fluss weiter. In der Ferne erhebt sich die Silhouette des Pilatus. Ist man am Reussufer angekommen, folgt der Wanderweg stets dem Fluss – entweder auf dem Damm oder ufernah. Es ist heiss hier, die Wanderung empfiehlt sich deshalb am Morgen oder gegen Abend. Die Uferzone ist geprägt von Weiden, Erlen, Sanddorn und Wiesenblumen. Wer aufmerksam ist, entdeckt lauter angenagte Baumstämme – Spuren des Bibers. Bei der geschichtsträchtigen Reussbrücke auf Höhe Zollweid bietet das Restaurant Zollhuus eine Rastmöglichkeit. Auf dem Damm fahren hier auch Velos – der markierte Wanderweg führt deshalb ufernah weiter. Immer wieder laden lauschige Plätze zum Verweilen oder Füssebaden ein. Am Ende führt der Pfad durchs Naturschutzgebiet Maschwander Allmend. Wer möchte, kann noch bis zum Rüssspitz weiterlaufen – dem Punkt, wo Reuss und Lorze zusammenfliessen. Der offizielle Wanderweg führt auf direktem Weg nach Maschwanden, vorbei am idyllischen Naturbad und hinein ins beschauliche Dorf auf Zürcher Seite.
Es ist wie auf einer Schnitzeljagd: Während des Wanderns entlang der Reuss suchen die Augen stetig das Ufer ab und halten nach Biberspuren Ausschau. Und sie werden nicht enttäuscht. Schon nach etwa 15 Minuten steht da der erste geknickte Baumstamm, dessen obere Hälfte nur noch durch ein paar wenige Holzspäne mit der unteren verbunden ist.
Noch vor zwei Jahrzehnten hätte man hier keine einzige Biberspur gesehen. Erst 2010 ist das Nagetier von Norden her via Reuss, Lorze und Binnenkanal in den kleinen Zentralschweizer Kanton vorgedrungen, wie Jagd- und Fischereiaufseher Adrian Zehnder berichtet. Lange Zeit stellten die sich s-förmig durch die Reussebene schlängelnde Autobahn, fehlende offene Bäche in Rotkreuz und das Wehr beim Papieri-Gelände in Cham schwer überwindbare Hindernisse für die weitere Verbreitung im Kanton Zug dar.
2019 gelang schliesslich einem einzigen Biber der spektakuläre Übertritt bis zum Zugersee – er muss das Papieri-Gelände grossräumig umlaufen haben. Das Tier lebte einsam und allein, bis dank einer neuen Überbauung an der Lorze frische Wasserwege geschaffen wurden, die es auch seinen Artgenossen ermöglichten, bis zum See zu wandern. Das Beispiel zeigt eine der Schwierigkeiten, mit denen der Biber in einem dicht besiedelten Kanton zu kämpfen hat.
Gierig nach Fell, Fleisch, Bibergeil
Dass der Biber in der Schweiz überhaupt vorkommt, ist keine Selbstverständlichkeit. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war er hierzulande vollständig ausgerottet. Gejagt wurde er wegen seines Fells, seines Fleisches und des Bibergeils. Letzteres ist ein duftendes Sekret, das von der Analdrüse des Bibers produziert wird und das früher in der Medizin als eine Art heilendes Wundermittel überbewertet wurde. Das Fell wurde vor allem für die Herstellung von breitkrempigen, wasserabstossenden Filzhüten verwendet, die im 17. Jahrhundert in Mode kamen.
Die katholische Kirche trug den Rest zur Ausrottung bei: Da während der Fastenzeit der Verzehr von warmblütigen Tieren untersagt war, wurde der Biber kurzerhand zu einem Fisch erklärt, wodurch er gejagt werden durfte. Ausgerechnet im Frühling, wenn das Weibchen trächtig ist.
Die Rückkehr
Erst im 20. Jahrhundert wurden die Biber in Europa allmählich wieder angesiedelt – die ersten 1922 in Schweden, 1956 schliesslich auch in der Schweiz. Seit 1962 ist der Biber bundesrechtlich geschützt. Heute gibt es rund 5000 Biber in der Schweiz, im Kanton Zug sind es circa 80 Tiere, wie die Daten der Nationalen Biberfachstelle und des Amts für Wald und Wild Zug belegen.
«Der Biber erobert sich seinen ursprünglichen Lebensraum nach und nach zurück», stellt Zehnder fest. Zunächst breitete sich das Nagetier an grösseren Gewässern wie dem Neuenburgersee oder der Aare aus. Doch wenn ein Revier besetzt ist, müssen die nachkommenden Jungtiere abwandern und sich einen neuen Lebensraum suchen. So wanderte der Biber auch in den Kanton Zug aus.
Geeigneter Lebensraum
Das Feuchtgebiet an der Reuss ist ideal für den Biber – zwei Familienreviere und das eine oder andere Paarrevier existieren mittlerweile hier. Es gibt viel weiches Weidengehölz, Sanddorn, Erlen, Gras, Schilf und stille Gewässer wie den Binnenkanal zwischen Reuss und Lorze. Auf der Wanderung ist man ihm auf Höhe Chamau ganz nah. In einem milchigen Blaugrau treibt sein Wasser gemächlich dahin, die Ufer sind im Frühling von spritzig grünen Büschen und Pflanzen bewachsen.
Ein Biberdamm am Binnenkanal kurz nach der Zollbrücke.
Ein angenagter Baumstamm überspannt den Kanal. Dort, wo die Rinde fehlt, sind deutliche Zahnabdrücke im hellen Holz erkennbar. Nicht weit davon entfernt staut sich das Wasser vor einem Damm aus kleinem Gehölz. Und wer genau hinschaut, entdeckt vielleicht sogar Schleifwege im Gras, die durch die nachgezogene Kelle des Bibers entstanden sind.
Einer, der den Zuger Biber schon aus nächster Nähe beobachtet hat, ist Hobbyfotograf Adrian Huber aus Hünenberg, von dem auch einige Bilder dieser Reportage stammen. «Den Biber abzulichten, ist nicht einfach. Sobald er dich sieht, taucht er ab und an ganz anderer Stelle wieder auf. Dieses Tier hält dich auf Trab.» Leider seien in den letzten Jahren auch schon Biber auf Zuger Strassen überfahren worden, wie der Polizist zu berichten weiss.
Biber an einem Seitenarm der Reuss auf Höhe Maschwanden/Hünenberger Allmend. © Adrian Huber
Renaturierungskünstler
Wie findet es die Natur, dass der Biber wieder hier ist? Beda Schlumpf, Abteilungsleiter für Fisch und Jagd beim Amt für Wald und Wild des Kantons Zug: «Für die Natur ist es ein Geschenk. Der Biber erledigt gratis, wofür der Mensch sonst Hunderttausende von Franken investiert: Renaturierung. Er kommt und gestaltet – durch ihn werden Uferböschungen natürlicher, und die Pflanzen- und Tiervielfalt nimmt ums Drei- bis Sechsfache zu.»
Lauschige Plätzen laden unterwegs zum Verweilen ein.
Durch die Dämme des Bibers entstehen Feuchtbiotope, führt Schlumpf aus, die insbesondere für Wasserpflanzen, Libellen, Amphibien und Fische wertvoll sind. Letztere können sich in den neuen, ruhigeren Gewässerabschnitten besser verstecken und vermehren.
Zudem gehe der Biber nachhaltig mit den Ressourcen um, meint Schlumpf. Er fresse nur so viel Holz, wie selbst nachwachsen könne – er zerstöre nicht seine eigene Lebensgrundlage. Gleichzeitig sorge er für Licht und Platz, sodass punktuell eine natürliche Verjüngung stattfinden würde. «Der Biber ist der genialste und stoischste Baumeister, den man sich vorstellen kann.»
Die Schadenseite
Doch der Biber bringt auch Probleme mit sich – insbesondere für die Landwirtschaft, zum Beispiel wenn er Schäden an Obstbäumen verursacht. Vermehrt sieht man deshalb feine Gitternetze um Baumstämme gespannt. Ein anderes Ärgernis für Bauern sind Überflutungen von Feldern durch die Stauungen des Nagers. So geschehen ist dies vor einigen Jahren am Bibersee in Cham, wo der Biber einen Bachabfluss verbaut hatte. Zehnder hat das Problem damals behoben, indem er den Damm an eine breitere Stelle versetzte, und ein Drainagesystem einbaute.
Abgesehen davon kann der Biber auch geflutete Keller, eingebrochene Strassen und vernässte Naturschutzgebiete verursachen. Dann sind die Behörden gefordert und halten sich bei ihren Massnahmen an die kantonal geltenden Biberkonzepte. Seit rund einem Jahr dürfen die Kantone in Einzelfällen auch Abschüsse von Bibern verfügen – «wenn diese erhebliche Schaden anrichten oder eine Gefährdung von Menschen darstellen», wie es im Bundesgesetz heisst. Im Kanton Zug war dies bisher nicht notwendig.
Damit es gar nicht so weit kommt, würden präventive Massnahmen helfen, erklärt Jagdaufseher Zehnder. Links und rechts vom Gewässer bräuchte es eine grössere unbewirtschaftete Zone, denn die Tunnel des Bibers führten maximal zehn bis zwölf Meter ins Land hinein. Doch eine solche Zone ist im Kanton Zug nur schwer einzurichten: Der Boden ist teuer, und jeder Quadratmeter zählt.
Unterhöhlte Wanderwege
Auch Wanderwege können von der Bauaktivität des Bibers betroffen sein, da sie oft parallel zu Gewässern verlaufen. Es kann vorkommen, dass ein Biber seinen Bau unter einem Wanderweg gräbt. Da die Biberhöhle auf einer Seite vom Wasser abgeschlossen ist, stauen sich darin Gase. Damit er nicht erstickt, baut sich der Biber einen Kamin, durch den die Luft abziehen kann. So kann ein Wanderweg instabil werden und im schlimmsten Fall einstürzen, was bisher aber noch nie der Fall war, wie die Zuger Wanderwege auf Anfrage berichten.
Zukunftsaussichten
Beim Naturschutzgebiet Maschwander Allmend verlässt die Tour das Ufer der Reuss. Biber wurden auf der Wanderung keine gesichtet, aber dafür Spuren – beinahe alle 100 Meter. Wer den nachtaktiven Biber beobachten möchte, macht die Wanderung also am besten frühmorgens oder abends. Doch auch dann sind die Chancen eher gering, denn der Biber meidet Begegnungen mit Menschen. «Am wichtigsten ist, dass man sich ruhig verhält und nicht laut redet», empfiehlt der Fotograf Adrian Huber.
Wie sieht die Zukunft für den Zuger Biber aus? «Im Kanton Zug hat es noch Potenzial, die Population wird in den nächsten Jahren weiter zunehmen», schätzt Zehnder. Fest steht aber, dass der Bestand sich selbst reguliert. Ob der Biber dereinst sogar noch weiter ostwärts bis zum Ägerisee vordringen wird, ist derzeit noch ungewiss.
Tipp
Neben der historischen Reussbrücke, die den Kanton Zug mit dem Kanton Aargau verbindet, befindet sich das Restaurant Zollhuus. Der Name bezieht sich auf das ehemalige Zollhaus, das ab dem 18. Jahrhundert den Warenverkehr über den Fluss kontrollierte. Heute erwartet einen hier eine herzhafte Küche, wie diese vegetarische Omelette.
zoll-huus.ch