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Aus der Wanderwelt ABO

Das sagt die Wissenschaft zum Wandern

Wir wissen es intuitiv, und wir haben es schon oft selbst erfahren: Wandern tut gut. Es entspannt, gleicht aus, belebt und stärkt uns innerlich. Doch was sagt die Forschung dazu?
24.05.2024 • Text und Bilder: Heinz Staffelbach
Pausen geniessen bringt besonders viel Entspannung.

Es sind nicht nur die tollen Landschaften, deretwegen wir wandern gehen – die Bergpanoramen, die Wasserfälle, die Blumenwiesen und die alten Wälder. Am Abend sind wir einfach auch zufriedener, ausgeglichener und glücklicher. Mit einer wohligen Müdigkeit in den Gliedern sitzen wir im Zug, die schönen Bilder und Erlebnisse des Tages sind noch lebendig in uns, und die Welt erscheint uns gleich ein bisschen besser als noch am Vorabend.

In den letzten Jahren haben sich die Medizin und die Psychologie vermehrt mit den psychischen und mentalen Wirkungen des Wanderns befasst. Es werden dafür verschiedene Begriffe verwendet: Ökomedizin hier, «green exercises» dort oder auch Naturtherapie. Schaut man sich die Studien an, ergibt sich eine erstaunlich lange Liste von positiven Wirkungen des Aufenthaltes und des Sich-Bewegens in der Natur: Es reduziert Stress, hilft bei Depressionen und Ängsten, verbessert den Schlaf, mindert ADHS-Symptome und beugt Demenz vor. In anderen Worten: Es macht uns psychisch gesünder und lässt uns länger leben. Und auch das Umgekehrte gilt: Naturentzug durch zu viel Aufenthalt drinnen und in der Stadt bringt mehr Stress, eine längere Rekonvaleszenz und tieferes Wohlbefinden mit sich. Ein angenehmer Nebeneffekt ist, dass Rausgehen und sich in der Natur bewegen völlig kostenlos sind.

Mehr als das Laufband

«Ich kann mich auch im Fitnesscenter bewegen», mag der eine oder die andere einwenden. Auch dieses Thema wurde untersucht. Das Resultat dieser Green-Exercise-Studien war eindeutig: Bewegung draussen in der Natur ist effektiver als Bewegung in Innenräumen, sogar der Spaziergang im Stadtpark ist erholsamer als der gleichlange Spaziergang auf den Strassen in der Stadt. Das zeigte sich anhand einer ganzen Reihe von Parametern, wie dem Stimmungsbild, der Aufmerksamkeit, der Herzfrequenz, dem Blutdruck und sogar dem Cortisolspiegel – einem Stressindikator. Zudem wird die Anstrengung draussen in der Natur als weniger anstrengend empfunden als drinnen, etwa auf dem Laufband. Und auch bei Zuständen wie Energielosigkeit, Angst und gedrückter Stimmung zeigte sich, dass Bewegung draussen effektiver ist als auf dem Laufband.

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Der Weg zu mehr Energie führt durch die Natur.

Eine Volkskrankheit, die immer mehr Menschen betrifft, ist die Depression. 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind davon irgendwann in ihrem Leben betroffen, und besonders junge Erwachsene leiden heute erschreckend oft darunter. Die klinische Psychologin Karmel Choi und ihre Kolleginnen vom Massachusetts General Hospital haben an 8000 Probandinnen und Probanden untersucht, wie sich körperliche Bewegung auf Depressionen auswirkt. Sie fanden heraus, dass mehrere Stunden sportliche Bewegung pro Woche die Depressionsrate signifikant senken. Das Erstaunlich daran war: Sogar Menschen mit genetischer Veranlagung zur Depression profitieren von der Bewegung. Viele Fachleute gehen heute davon aus, dass Bewegung ähnlich wirksam ist wie Medikamente.

Muskeln als Gesundmacher

Auch auf die mentalen Fähigkeiten hat Bewegung und Wandern einen messbar positiven Effekt. Körperlich aktive Menschen leiden seltener an Demenz. Und sogar Risikopatienten, die sich regelmässig bewegen, schneiden in kognitiven Tests 90 Prozent besser ab als solche, die sich nicht oder nur wenig bewegen. Es wird angenommen, dass die Bewegung neue Nervenzellen wachsen lässt und sich diese besser untereinander vernetzen.

Auch bei Kindern haben sich zahlreiche positive Wirkungen der Bewegung auf ihre schulischen Leistungen gezeigt. Sportliche Kinder sind tendenziell besser in Naturwissenschaften und Mathematik, und Bewegung bringt gar eine Linderung der Symptomatik bei ADHS.

«Körperlich aktive Menschen leiden seltener an Demenz.»

Vermutlich haben Sie selbst schon oft die positive Wirkung von Sport und Bewegung auf Ihre psychische Gesundheit gespürt. Die Sportmedizin bestätigt: Bewegung mobilisiert die Ausschüttung anregender und stimmungsaufhellender Botenstoffe. Muskeln, die arbeiten, schütten eine ganze Reihe von Botenstoffen aus, die Krankheiten vorbeugen oder bei deren Heilung helfen können. Forschende nehmen an, dass es Dutzende, möglicherweise mehrere Hundert solcher Myokine (Botenstoffe) gibt, die nicht nur bei körperlichen Krankheiten wie Diabetes, Rheuma oder Herzschwäche helfen, sondern auch bei Demenz und Depression.

Reset für das ganze System

Etwa drei Viertel der Menschen in Europa leben heute in der Stadt. Und die Stadt bringt viele Stressoren mit sich: Lärm, visuelle Überreizung, Dichtestress, schlechte Luft, und meistens Jobs, die mit viel Sitzen und wenig Bewegung einhergehen. Steigen wir aus dem Postauto und beginnen zu wandern, fällt also bereits ein Krankmacher weg.

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Die Sportmedizin bestätigt, was die Alltagserfahrung zeigt: Bewegung in der Natur tut unserer Psyche gut.

Wir Menschen haben über Hunderttausende von Jahren in der Natur gelebt, waren den ganzen Tag in ihr unterwegs. Gehen wir in die Natur, erleben wir wieder die Umgebung und die Stimuli, die für unser Hirn und unser ganzes System normal sind, für die es gemacht ist. Hunderttausende von Jahren zogen wir durch die Savanne und waren stets auf der Suche nach Grün und Wasser, denn das versprach Nahrung. Das wirkt noch heute nach: Das Grün in der Natur erinnert uns daran, dass es hier gut zu leben ist. Der Forscher E. O. Wilson nennt dieses Bedürfnis, sich mit Natur und Leben zu umgeben, «Biophilie».

Erholungskur für die Sinne

In einem anstrengenden Bürojob müssen wir oft stundenlang konzentriert auf den Monitor schauen. Diese Art von Aufmerksamkeit ermüdet und erschöpft. Rachel und Stephen Kaplan von der University of Michigan nennen dies «effortful attention». In der Natur und beim Wandern verhält es sich anders. Laufen wir durch einen Wald oder an einem Bach entlang, so ändern sich unsere Sinneseindrücke ganz allmählich. Wir können jede Konzentration loslassen – und dabei doch aufmerksam sein. Es ist eine mühelose Aufmerksamkeit, eine «effortless attention», die nicht ermüdet. Im Gegenteil – im schönsten Fall können wir die Natur bestaunen, bewundern, geniessen, und uns ganz in ihr verlieren.

Noch etwas kommt aber bei den meisten Wanderungen dazu: die Vertikale. Es ist schön, einem Fluss entlangzuwandern. Aber wir Wandernde wissen eben auch: Es ist etwas Besonders, einen Berg zu erklimmen. Dann tun wir nicht nur etwas Gutes für unsere körperliche Fitness und für unser psychisches Wohlbefinden, denn ganz oben kommt noch dieses Gefühl der Freude dazu: Ich habe es geschafft und bin stolz darauf! Wie wunderschön diese Bergnatur doch ist! Zeit, sich hinzusetzen, die Natur, die Berge und das Sandwich zu geniessen.

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Erfahren Sie im Artikel 7 Tipps für erholsames Wandern, wie Wandern Ruhe, Kraft und Klarheit bringt.
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