Leseprobe: (K)eine langweilige Wanderung

«Nicht immer bin ich mir sicher, ob meine geplante Familienwanderung wirklich etwas taugt. Gerade in stärker bewohnten und flacheren Gebieten ist es manchmal ja schon schwierig genug, eine für Erwachsene attraktive Wanderung zu finden. Oft wandert man auf breiten Forststrassen und Asphalt, kreuzt Hauptstrassen und hat längere, unattraktive Abschnitte.

Die Wanderung bei Schöftland im Aargau war eine dieser Wanderungen, der ich zuvor nicht traute. Reicht es aus, wenn das Ziel attraktiv ist, habe ich mich damals gefragt. Bei dieser Wanderung ist es dies ohne Frage. Die Sandsteinhöhlen in Staffelbach sind riesig: Würfelartige, etwa acht Meter hohe, in den Fels gehauene Kavernen, zwölf an der Zahl, verstecken sich an der Flanke eines kleinen Tals. Wer dort ankommt, staunt: Hier haben bis tief ins letzte Jahrtausend Steinmetze riesige Quader abgebaut, mit denen dann weitherum Häuser erstellt wurden. Die Höhlen sehen aus, als hätten die Arbeiter eben erst ihr Werkzeug zusammengepackt und ihren Arbeitsplatz verlassen.

Kaum angekommen, beginnt die Zauberfee, mit spitzen Steinen einen Block Sandstein zu bearbeiten. Der Sand löst sich einfach, das macht Spass. Sie packt ihn anschliessend in einen Sack und will ihn nach Hause nehmen. Das macht weniger Spass. Die Befürchtung, der Sack platze dann irgendwann in ihrem Zimmer, verdränge ich. Der Zwergenkönig nimmt sich einer Feuerstelle an und entdeckt, dass in ihr noch Glut glimmt. Er hält einen mit grünem Laub bestückten Buchenast darauf, es beginnt fürchterlich zu qualmen. Die riesige Rauchwolke verteilt sich in der Höhle. Von aussen sieht das riesige Loch im Felsen jetzt magisch aus. Kein Zweifel, die Kinder sind begeistert und die Wanderung ist gelungen.

Rückblende. Am Morgen starten wir am Bahnhof von Schöftland und müssen zuerst das ganze Dorf durchqueren, danach folgt ein Anstieg durch herausgeputzte Einfamilienhäuser und über eine Treppe. Wir plaudern angeregt, die erste Stelle, die mir Sorgen gemacht hat, meistern wir damit zügig. Im Wald, auf der Forststrasse, übernehmen dann die Weinbergschnecken. Sie schleimen zahlreich vor unseren Füssen dahin und wecken den Beschützerinstinkt der Zauberfee. Das Wandertempo nähert sich jenem der Schnecken. Ich geniesse die intensiven Farben des Waldes, die der Regen der Nacht hervorruft. Dann steht der Aufstieg durch den Wald an, ein kleiner, schmaler Pfad, der zwar anstrengend ist, aber dafür auch interessanter zu gehen. Wir stecken Sauerklee zwischen die Lippen, balancieren auf Baumstrünken, erkennen in dicken Ästen Gesichter. Und kommen dann am ersten Höhepunkt an: einer Waldlichtung, in der zwei riesige Findlinge liegen. Von einer Tafel nebenan lese ich und erzähle den Kindern: Ein Felsblock ist durchlöchert und mit Runsen versehen. Der Kalkbrocken stammt aus Habkern, aus dem Voralpengebiet des Berner Oberlands. Der andere hat eine glattere Oberfläche, ist aber in drei Stücke gebrochen. Der Granit ist aus den Alpen. Beide wurden in der Eiszeit vom Aaregletscher hergetragen.

Wir klettern auf den glitschigen Steinen herum. Ich schlage mir das Schienbein wund, als ich möglichst schnell – wie früher eben – hinaufkraxeln will und ausrutsche. Es schmerzt am Anfang höllisch, aber ein Indianer kennt ja keinen Schmerz. Also machen wir eine erzwungene Pause, entfachen ein Feuer und bräteln Cervelats, auch wenn es erst elf Uhr morgens ist. Die Wurst zwischen den Zähnen setzen wir uns auf den einen Findling. Danach beginnen wir, ein Zwergenhaus zu bauen, ein doppelstöckiges. Schön, wieder Kind sein zu dürfen.

 

Dann folgt die zweite Partie, die mich als Familienwanderung nicht überzeugt. Wiederum ein breiter Weg. Und ja, die Kinder finden ihn bald langweilig. Zwei tote Blindschleichen helfen nur vorübergehend weiter. Jetzt beginne ich, von den Sandsteinhöhlen am Ziel der Wanderung zu erzählen. Das motiviert, und trotzdem bin ich froh, als wir in einen Wald einbiegen und der Weg wenigstens abschüssig wird. Es geht nicht lange und die Kinder kämpfen sich etwas oberhalb und parallel zum Weg durchs Gestrüpp, während ich dem Weg folge. So erreichen wir schliesslich die Sandsteinhöhlen.

Einverstanden: Nicht jede Wanderung kann hundertprozentig der Hammer sein. Doch die Kinder finden immer irgendwas Spannendes am Wegrand, gibt man ihnen nur die Möglichkeit dazu. Es ist nichts als normal, auch mal langweilige Stücke zu begehen – man muss es ihnen ja nicht gleich unter die Nase reiben. Mit der Zeit lernt man, es auszuhalten, dass es den Kindern langweilig ist und sie sich darüber beschweren. Sollen sie doch, wir haben das als Kinder auch gemacht.

Mich jetzt fürs Unterhaltungsprogramm verantwortlich zu fühlen, ist nicht meine Aufgabe als Vater. Ich überlasse die Kinder der Langeweile und lasse sie lernen, diese selbst zu vertreiben. Damit sie dies schaffen, gebe ich höchstens Impulse. Denn ich vertraue ihnen – und auch meiner Wanderung, zu der ich mir ja Gedanken gemacht habe. Die Kinder werden einen Weg aus der Langeweile und eine gute Idee finden. Vielleicht nicht unbedingt jene, die ich mir vorgestellt habe, denn manchmal kommt es anders, als man plant. Aber meistens kommt es gut.»

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